Das Juwel bin ich

Im 5-Sterne-Deluxe-Wellnessresort die Seele baumeln lassen? Schön und gut. Aber längst nicht mehr gut genug – zumindest nicht für jene Balancesuchenden, die Körper, Geist und Seele auf möglichst hohem Niveau in möglichst reduziertem Ambiente in Einklang bringen wollen. Was es mit dem „Wellth“-Travelling-Trend auf sich hat.

„Das klassische Konzept von ‚Wellness‘ ist längst tot“, ist Andreas Reiters nicht ganz provokationslose Antwort auf die Frage, wie die Zukunft des idealen Wohlfühlurlaubes aussieht. Reiter ist Zukunfts- und Trendforscher, er weiß viel über moderne menschliche Bedürfnisse und noch mehr darüber, wie Unternehmen und Urlaubsdestinationen darauf am besten reagieren. Und glaubt man ihm, dann gab es zwar noch nie so viel zu wellnessen in Österreich und auf der Welt, aber mit Spa-Landschaften und Beauty Treatments in hypermodernen Wellnesstempeln alleine lockt man zukünftig immer weniger Gäste. „Heute wird das Ich wird zur eigentlichen Destination, wir suchen nach Selbsterkenntnis, nach Bestätigung, Aufmerksamkeit und menschlicher Zuwendung, die wir in einem de-personalisierten Alltagsumfeld oder im Job nicht finden.“ Dabei sind Destinationen oder Hotelausstattungen fast schon nebensächliche Luxus-Kategorien, entscheidend ist das möglichst kontrastreiche, außergewöhnliche Erlebnis. Ein Retreat im Himalaya, ein Atemseminar in den Anden, ein Wochenende auf einer Almhütte ohne fließendes Wasser. Wer sich heute wirklich etwas gönnen will und es sich leisten kann, der pflegt Inneres und Äußeres. Möglichst individuell, möglichst intensiv.

 Heilserfahrung de luxe

Gesundheit, Schönheit, Selbstfindung und Entschleunigung auf allen Ebenen sind die neuen Statussymbole, und sie spielen bei der Wahl der nächsten Urlaubsdestination eine immer zentralere  Rolle. Zusammengefasst wird dieser Trend unter dem Begriff „Wellth“. Aus Wellness und Health wird eine neue Form von „Wealth“, zu Englisch „Wohlstand“. Der Schöpfer dieses Ausdrucks, der Amerikaner Jason Wachob, definiert Wellth als moderne Währung fürs eigene Lebenskonto. Ein mitunter recht kostspielige Form der Bescheidenheit, in der es in erster Linie darum geht, Handy, Computer und Besitz kurzzeitig los zu werden und dafür körperlich und geistig aufzublühen.

Möglichkeiten, das Ich in die Mitte zu stellen, gibt es mittlerweile unzählige. Was dem einen seine reinigende Ayahuasca-Zeremonie, ist dem anderen die Arbeit im Elefantenwaisenhaus, der Meditationszirkel oder das Chanting-Retreat in einer ehemaligen Maharadscha-Residenz im Himalaya. Wer dort einchecken möchte, muss sich auf eine Gästeliste setzen lassen – und knapp 5000 Euro pro Woche ohne Flug dafür berappen. Im Kichic-Resort in Peru nächtigt man immerhin schon ab 450 US-Dollar pro Nacht in einer Suite mit Privatpool und wird in einer Woche holistisch und ablenkungsfrei rundumerneuert – Gewichtsverlust, mentale Stärke, bessere Verdauung, schönere Haut und tieferer Schlaf inklusive.

Selbstfürsorge in Schön

Ganz so extravagant muss das Wellth-Reisen für die Journalistin und Yogalehrerin Jeanette Fuchs nicht sein – aber mit Pritschen und trockenem Brot zum Abendessen braucht ihr auch niemand kommen. Fuchs betreibt mit „Follow your Trolley“ Österreichs größten Blog für stilvolle Reisen zum Ich – mit Betonung auf „stilvoll“. Denn sie rollt ihre Yogamatte lieber in einem schicken Boutiquehotel an einem griechischen Traumstrand als in einem indischen Hinterland-Ashram aus. Für Fuchs schließen Rückzug und Sinnfindung – sei es nun in Form von  Yoga-Urlauben oder Mindfulness-Retreats – und gehobener Komfort einander nicht aus. „Vor einigen Jahren noch haftete solchen Reisen etwas stark Esoterisches an“, sagt sie. „Viele  Menschen, die Interesse an temporärem Rückzug hatten und sich das auch etwas kosten lassen wollten, konnten mit der Idee, eine Woche lang in einer spartanischen Lodge irgendwo im Nirgendwo auf dem Fußboden zu schlafen, einfach nichts anfangen.“ Wer einen fordernden (und gut bezahlten) Job hat, sucht abseits des Alltags nach Balance und Ausgewogenheit – aber selten nach dem totalen Verzicht. Und so wächst das Angebot an Yoga- und Mindfulness-Retreats, bei denen die Teilnehmner in puncto Luxus und Komfort so gut wie keine Abstriche hinnehmen müssen, genauso schnell wie die Nachfrage danach. Jeanette Fuchs arbeitet aktuell sogar an einem eigenen E-Guide mit Tipps für Wellth-Retreats auf der ganzen Welt, um der Flut an Anfragen für Location-Tipps auf ihrer Seite Einhalt zu gebieten.

Sie selbst unternimmt pro Jahr bis zu fünf Retreat-Reisen. Sie hat in Portugal beim „Path of Love“ zehn Tage lang meditiert, getanzt und geschwiegen und im Six Senses Resort auf den Seychellen holistische Wellbeing-Treatments auf höchstem Niveau genossen. Bei letzterem, sagt Fuchs, ginge man als Gast natürlich weit weniger in die Tiefen der eigenen Seele, „aber letztendlich muss jeder für sich selbst entscheiden, wie intensiv er seinen Rückzug gestalten möchte“. Abgesehen von den Yoga-Einheiten, die für Fuchs zu jeder Reise dazugehören, schätzt die Bloggerin Retreats, in denen Privatsphäre und Stille eine große Rolle einnehmen. „Ich finde es erleichternd, wenn man die Stille nicht immer gleich mit Worten füllt“, sagt sie. „Ohne Handy, ohne Fernseher, ohne Gespräche ist man mit sich selbst auf einer ganz neuen Ebene konfrontiert, was anfangs ein sehr unangenehmer Prozess sein kann, am Ende aber dazu führt, dass man wirklich ruhig wird.“ Die Probleme daheim, sagt sie, würden in einer Woche Retreat nicht verschwinden. „Aber man versteht, dass nicht alle Sorgen und Probleme immer sofort eine Lösung brauchen.“ In derlei Erfahrungen und Erkenntnissen, ist Fuchs überzeugt, liegt ein Luxus, der weit über den finanziellen Einsatz hinausgehe.

 Selbstoptimierung im High-End-Health-Resort

Die Sehnsuchtserfüllung im Urlaub liegt für die zahlungskräftige Best-Ager-Klientel aber nicht nur in der „reinen“ Leere und der Reduktion alleine. „Jemand, der in seinem beruflichen und privaten Leben stark leistungsorientiert ist, der seine Fitness trackt, sein biologisches Alter optimieren möchte oder sich generell gerne mit anderen misst, will dieses Bedürfnis auch in seinem Urlaub auf hohem Niveau befriedigt sehen“, sagt Zukunftsforscher Reiter.

Wer danach sucht und nicht knapp bei Kasse ist, checkt in einem der aktuell drei Hotels von Christian Harisch ein. Der Hotelier hat aus dem ehemaligen F.-X.-Mayr-Fastenkur Hotel in Lans in Tirol einen Ort gemacht, an dem Medical Wellness, Entschleunigung und  Gesundheit unter den wachsamen Augen einer Heerschar an Ärzten ineinandergreifen. Speziell auf individuelle Bedürfnisse zugeschnittene Ernährungspläne gehören im „Lanserhof“ ebenso zum Standard wie umfassende ärztliche Check-ups. Im 2014 eröffneten Lanserhof am Tegernsee planscht man im Salzwasserpool, begibt sich für ein optimales Stoffwechseltraining in die Höhenkammer oder lernt, wie man „Energy Cuisine“ im Alltag umsetzt. Reiter sagt Resorts, die sich den Themen Medical Wellness und Lebensstil-Medizin verschrieben haben, eine große Zukunft voraus. Und so bunt, exotisch, extravagant und kostspielig das Abtauchen in die neuen Ich-Welten jetzt auch noch sein mögen: Wellth-Reisen werden über kurz oder lang für auch für Otto-Normalsterbliche nicht nur erstrebenswert, sondern auch leistbar sein.

22539868_1718997694790974_8980951920043271777_n Erschienen in MAXIMA, November 2017

WEBTIPP

Jeanette Fuchs bloggt auf „Follow your Trolley“ über stilvolles Reisen für Yoga- und Mindfulness-Fans. Im Herbst soll ihr E-Guide zum Thema erscheinen. www.follow-your-trolley.com

WELLTH-RESORTS TO CHECK IN TO

Asien

Das 5*Resort vereint Elemente asiatischer und westlicher Heilkunst und versteht sich als Refugium für höchste Ansprüche. Das Spa-Center umfasst 70 Behandlungsräume, 6 Hydrotherapiezimmer sowie drei Massage-Pavillons. Spezialisiert auf Detox und Yoga.DZ ab 800 EUR/Nacht.

Der Mahardscha-Palast von Tehr Garhwal beheimatet einen Teil des Luxus-Hotels. Das Ananda versteht sich als Lifestyle-Resort, das die Gesundheit von Körper und Geist mittels Yoga, Ayurveda und Vedanta wiederherstellen möchte. 7-tägige Retreats ab 4.800 Euro

Europa

Modernste, ganzheitliche Medizin, nachhaltige Regeneration und Prävention stehen in den Lans Med Concept-Hotels in Tirol, am Tegernsee und in Hamburg im Fokus. Das Haus in Tirol gewann 2017 den Tatler Spa Award 2017. LANS Med Basic in Lans, exklusive Unterkunft, ab 1.630,– EUR/Woche.

Alles, nur kein Hotel ist das Hofgut Hafnerleiten und spezialisiert auf Stille, Langsamkeit, Ruhe und Rückzug. Urlaub in individuellen Themenhäusern, die sich um zwei idyllisch angelegte Seen scharen, ohne Fernseher und W-Lan. Ab 3 Nächten 170 Euro/Person und Nacht, inkl. HP.

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