Stolz und Vorurteil

Barbarei oder Rückkehr zu den kulturellen Wurzeln der Menschheit? Kaum ein Thema polarisiert so sehr, wie die Jagd. Über die Faszination und die Moral hinter einem archaischen Weg, Lebensmittel zu produzieren, und die Begegnung mit einer traditionell angefeindeten Spezies.

Es hängt Regen in der Luft an diesem Morgen in Lasselsdorf an der steirischen Apfelstraße, ein klarer, frischer Novemberwind zieht über die brachen Äcker und Wiesen, durch die Nase kriechen Aromen von feuchter Erde. In der Hofeinfahrt steht Helmut Muchitsch, ein solider 1,80-Meter-Mann, breitschultrig, gelassen, in grüner Jagdhose und Pullover. Sein Händedruck ist fest, ein schnelles Lächeln zum Gruß. „Griaß eich“, sagt er in breitem weststeirischen Dialekt. Und: „Was wollts denn alles wissen, von mir?“

Wir wollen wissen, warum Menschen stundenlang, oft bei Kälte, Schnee und Regen, im Wald hocken, um ein Lebewesen zu töten. Wir wollen wissen, was einen verantwortungsvollen Jäger von einem hirnlosen Bambi-Killer unterscheidet. Ob eine Trophäe an der Wand wirklich glücklich machen kann. Und eine Antwort auf die Frage, warum eine Gesellschaft mit dem archaischen Töten im Wald so schlecht klar kommt, während sie das industrielle Töten in sterilen Schlachthäusern kaum berührt.

Seit bald 30 Jahren ist Helmut Muchitsch Jäger, einer von etwas mehr als 3000 in der Steiermark. Sein Revier, das er sich mit ein paar Jagdkollegen teilt, liegt auf der Kärntner Saualpe. Gerne wäre er mit uns dorthin gefahren, hätte uns den Wald gezeigt. Aber solange das Wetter noch hält, werden Forstarbeiten durchgeführt. Kaum ein Tier würde sich zeigen. 1600 Hektar umfasst Muchitschs Gemeinschaftsrevier. „Nur“, sagt er. Das Nachbarrevier ist mehr als vier Mal so groß. „Da haben sie dieses Jahr schon 60 Stück Rotwild aus dem Wald genommen.“ In seiner Stimme schwingt kein Neid mit. Sein Blick geht kurz nach unten zu Boris, dem Alpenländischen Dachsbracken-Rüden, und ruht sich ein wenig auf dem hellorangen Signalhalsband des Hundes aus. „Ja. So ist das.“

Menschen mögen Hunde, sagt Muchitsch dann, und auch das Bild vom geselligen Jäger, der in der Dorftränke den letzten Schwank vom Jagdausflug zum Besten gibt, ist ein sympathisches. Dieses Bild zerbirst, wenn der treuherzig dreinblickende Hund – auch jener, der jetzt zu Muchitschs Rechten sitzt – ein verletztes Tier stellt und mit einem gezielten Biss in den Hals tötet. Oder der Waidmann sein Jagdmesser zückt und den leblosen Körper an Ort und Stelle auswaidet, Blut an den Händen, Schweiß auf der Stirn. Was einst romantisch war, ist in den Augen vieler dann nicht mehr, als Barbarei.

„Manchmal hängt es mir zum Hals raus“, sagt Muchitsch. „Dass ich mich dauernd verteidigen muss, stellvertretend für irgendwelche schießwütigen Idioten, die ein Pony nicht von einer Wildsau unterscheiden können oder einen Grenzsoldaten von einem Hirsch.“ Die schießwütigen Idioten gibt es nämlich tatsächlich immer noch, bestätigt er in dem kleinen Jagdzimmer, in dem wir mittlerweile stehen und staunen.  An den Wänden ein Wildschweinkopf, viele große und kleine Geweihe.

Aber sind denn diese Trophäen nicht ultimatives Indiz für Schießwut, Herr Muchitsch?

„Nein!“,  entgegnet er vehement.  In erster Linie erfülle die Jagd den Zweck, Nahrung zu produzieren. Es gebe ja auch kaum etwas, das man nicht verwerten könne von so einem Tier. Nur das Fleisch eines Brunftbockes sei ungenießbar.  „Aber von einem Reh oder einem Hirsch bleibt eigentlich gar nichts über, außer die Hufe und das Gebiss. Alles kannst du verwerten. Die Innereien, das Fleisch, die Haut.“

Konsum und Kultur

Wie viele Stück Wild Muchitsch aus dem Bestand in seinem Revier nehmen kann, richtet sich nach dem jeweiligen Abschussplan, der für zwei Jahre und für jedes Revier eigens erstellt wird. Die Schusszeit beginnt im Mai und endet meist im Dezember. Während dieser  Zeit geht es vor allem jenen Tieren an den Kragen, die schwach und gerade so über den Winter gekommen sind. Oder alten Rehgeißen, die den Jüngeren kein Futter lassen. Und Böcken, die weichen müssen, um Inzucht zu vermeiden. Etwa  45 Stück Reh-, Gams-, Rot-, Birk- und  Auerwild haben in den letzten beiden Jahren in Muchitschs Revier ihr Leben gelassen.  Birk- und Auerwild dürfen jedoch nur alle vier Jahre geschossen werden, den Bestand kontrolliert der Aufsichtsjäger. „Pro Balzplatz müssen vier bis sechs Tiere anwesend sein“, erklärt Muchitsch.

Kann man denn Birkhahn überhaupt essen?

„Sicher. Die Brust. Früher haben sie ja alles gegessen.“

Aber früher, ergänzt  Muchitsch, war das „Jagern“ ja auch nur den bessern Leuten vorbehalten. Dem Adel. Den Doktoren. „Ein Armer, der hat ja nichts zu suchen gehabt in einem Hochwildrevier.“ Bei den Besseren, da war Birkhahnbrust eine Delikatesse.

Der Großteil dessen, was Muchitsch in seinem Geländewagen über die Pack nach Hause nach Lasselsdorf bringt, landet bei ihm am Teller. Sicher, sagt er, ab und an verkauft er schon auch ein Tier an einen Wildbrethändler oder ein Gasthaus, wo man weiß, wie das Tier fachgerecht zerwirkt – also aus der Decke geschlagen und zerlegt – werden muss: Aber der Verkauf lohnt nicht. Die Nachfrage nach Wildfleisch ist in den letzten Jahren zwar konstant gestiegen, auf die Einnahmen des Jägers hat die neue Lust am Wilden aber keinen Einfluss. Der Kilopreis von Rotwild liegt aktuell bei zwei Euro.  „Einen Händler in der Nähe hab ich, der gibt mir aber immer einen Euro mehr“, sagt Muchitsch und lacht ein bisschen gequält. „Aber mehr als 10 oder 12 Euro für ein Kitz sind nicht drin.“ Der Endverbraucherpreis für ein Kilogramm Hirsch-Schale liegt übrigens bei rund 40 Euro.

Nein, reich kann man nicht werden mit der Jagd. Und wer über keinerlei kriminelle Energie verfügt, verkauft ein Tier auch nur dann, wenn der Schuss perfekt gesetzt wurde. „Ich würd den Käufer sonst über den Tisch ziehen. Da blieben von einem 16 Kilogramm schweren Stück nur acht Kilogramm verwertbares Fleisch über. Das kann man nicht machen.“

Wo trifft man ein Reh eigentlich richtig?

„Hinter dem Blatt. Drei Finger breit hinter der Schulter. Daher auch der Name Blattschuss.“

Stadt, Land, Stress

Am 15. Dezember stellt Muchitsch seine Büchse in die Ecke, damit das Wild „endlich auch einmal seine Ruhe hat“. Mit der Ruhe im Wald ist es schon lange vorbei, seitdem Bewegung an der frischen Luft für viele Menschen wieder eine ernstzunehmende Freizeitbeschäftigung geworden ist. Für Jäger wie ihn, die ihre Aufgabe nicht nur im Regeln des Wildbestandes durch Abschuss, sondern auch in der Hege und Pflege der Tiere sehen, sind Schwammerlsucher, Beerenpflücker, Walker und Mountainbiker erst in zweiter Linie Naturfreunde. In erster Linie sind sie oft gedankenlose Störenfriede.

„Wenn ich auf einen Bock ansitzen will, dann fahr ich um drei Uhr in der Früh hier weg, und wenn ich um vier Uhr im Revier ankomme, stehen da bereits 20 Autos vor dem Schranken. Das ist doch nicht normal, oder?  Das ist schon mal das erste Problem. Viele haben dann auch noch Kinder mit, da wird rumgeschrien wie auf einem Jahrmarkt. Als Jäger muss man sich da schon sehr zusammenreißen, damit einem kein lautes Wort auskommt.“ Das Verhalten der Tiere habe sich in den letzten Jahren aufgrund der zunehmenden Zahl an Naturgenießern massiv geändert. Sie zeigen sich erst spät, sind nachtaktiver geworden. Was bedeutet das für den Jäger? „Noch mehr Geduld“, lacht Muchitsch. Aber wenn es dunkel wird, dann hat die Warterei ohnehin ein Ende. Von wegen  mit Tarnfarbe beschmierter Büchsenträger, der mit einem Nachtsichtgerät in den Kampf zieht: „Das ist in Österreich verboten. Nachtschießen ist nur erlaubt, wennst auf eine Wildsau sitzt, und da brauchst du entweder ein Schneelicht oder Vollmond.“ Wenn das Schusslicht fehlt, sagt Muchitsch, dann bist man ein Trottel und ein Tierquäler, wenn man auf den Bock schießt. „Weil wenn du den nicht richtig triffst, dann liegt der Bock irgendwo und leidet. Das brauch ich nicht.“

When the killing is over

Aber auch der ethisch korrekteste,  versierteste Jäger hat mal einen schlechten Tag. Dafür hat Muchitsch seinen Boris. Eine verlässliche Killermaschine, wie wir erfahren, als wir uns dem Zwinger nähern, um mit Herrl und Hund ins Feld zu gehen. Andere Menschen, sagt Muchitsch, sollten sich dem Boris lieber nicht nähern.

Wenn ein Tier nach einem „schlechten“ Schuss nicht gleich verendet und sich verletzt ins Gebüsch schlägt, hat Boris‘ Stunde geschlagen. Er nimmt den Geruch des Tieres an der Anschuss-Stelle auf, die Nachsuche beginnt. Acht Kilometer  haben Boris und er einmal eine Gams mit einem Laufschuss – also einem Schuss in das Bein des Tieres – nachgesucht. „Nicht auf einem Schotterweg. Im Schnee!“  Boris hat die Gams natürlich am Ende gefunden. Und getötet.

Da ist es wieder, das furchtbare Bild.

„Aber dafür ist der Hund ja abgerichtet. Er ist mein wichtigster Jagdhelfer. Er bringt sehr schnell zu Ende, was ich vorher versaut habe.“ Grausam wäre es, das Tier tagelang qualvoll sterben zu lassen, sagt Muchitsch.

Die Stille nach dem Schuss  ist manchmal bedrückend, aber es liegt ihr auch etwas Sanftes inne, sagt er, während wir durch das nasse Gras stapfen. Man hat die Pflicht, dem toten Tier – unbeirrt aller archiaschen Handlungen – auch nach dem letzten Atemzug Respekt gegenüberzubringen. „Wenn das Stück dort liegt, dann steige ich vom Hochsitz, nehm den Hund mit und lass ihn erst einmal schnuppern. Dann muss ich entscheiden, ob ich das Tier vor Ort und Stelle aufbrechen kann oder nicht. Auf der Alm haben wir das Glück, dass immer irgendwo ein Bach in der Nähe ist, wo ich das Tier sorgfältig auswaschen kann.“ Wenn es das Gewicht zulässt, dann bringt er  das Wild ohne fremde Hilfe zum Auto. Nur einmal, bei einem Rothirsch mit 160 Kilogramm, da haben sie eine Seilwinde und einen Traktor gebraucht, um das tote Tier zu bergen.

Die Trophäe hängt in dem Jagdstüberl, das er uns vorher gezeigt hat.  Ein prachtvolles Geweih. Natürlich ist er stolz drauf. Aber nur der Trophäe wegen zur Jagd zu gehen hält er für „deppert.“ Die jungen Jäger seien auch manchmal deppert. Weil sie erst schießen, und dann denken.  Weil sie das Verhalten der Tiere nicht beobachten. Weil sie ungeduldig sind, und sich dann ärgern, weil sie keinen schönen, alten Bock erlegen können. Die jungen Böcke sind nämlich wie die jungen Jäger. „Auch deppert“, sagt Muchitsch. „Die wittern Gefahr und drei Minuten später sind sie wieder da. Ich bin einmal  50 Mal  für einen alten Bock angesessen. Der war halt schlau. Aber so ist das, im Jägerleben.“

„Wenn du einen Wilderer stellen willst, dann solltest du sicher sein, dass du nicht alleine bist. Und schneller zum Gewehr greifen, als er.“

Jäger und Gejagte

Es gibt viele Menschen, die von sich auch behaupten, ein echtes Jägerleben zu führen, obwohl sie niemals in ihrem Leben 50 Nachmittage lang auf einem Hochsitz ausharren würden. Sie fahren in ihren Geländewägen bis zum Hochsitz. Ein Jagdhelfer öffnet das Gatter, die eingesperrten Tiere stürmen auf die Wiese. Und dann? „Brauchst nur anlegen. Bumm, Bumm, Bumm. Und fertig.“  Man muss kein Menschenkenner sein, um den Blick in Helmut Muchitschs Gesicht lesen zu können.  Verachtung steht da geschrieben. „Das Wild hat eine Chance auf ein angemessenes Dasein, oder? Auf ein aus einem Gatter herausgetriebenes Tier zu ballern, einfach so, das ist keine Jagd.“  Nur die „Autojäger“, die den Lauf ihrer Flinte einfach nur aus dem Fenster halten und schießen, seien noch unwürdiger. Und die, die bis zu 20.000 Euro für einen kapitalen Hirsch hinblättern, der irgendwo betäubt, über die Grenze gebracht und dort geschossen wird. Für ein paar Sekunden Ruhm.

Obwohl. Natürlich. Das Schießen gehört zur Jagd einfach dazu, sagt er. Aber er sieht sich selbst als Bewahrer, nicht als Mörder. Dass Tierschützer und Medien über Menschen wie ihn so denken, macht ihn nachdenklich, aber auch wütend. „Die stellen sich das alle so einfach vor, wollen Beutegreifer wie Bären und Wölfe ansiedeln. Weil es dann ja angeblich den Eingriff durch den Menschen nicht mehr braucht.“  Muchitsch macht keinen Hehl aus seiner Abneigung gegenüber Raubtieren. Fuchs und Marder stehen ganz oben auf seiner Abschussliste. Wenn er die Wahl zwischen einem Bock und eine Fuchs hat, sagt er, würde er immer den Fuchs erschießen.

Den Tierschützern würde er gerne einmal demonstrieren, wie ein Bussard einen Hasen schlägt. Da wäre es schnell vorbei mit dem Li-La-Laune-Getue der Stadtmenschen, die sich mit dem Tod nicht auskennen, aber ihn am Teller akzeptieren. Und dann ist da noch die Sache mit dem Stahlschrot. Auf Federwild darf seit 2012 nur mehr mit Stahlschrot geschossen werden. Wer niemals auf Entenjagd war, sagt Muchitsch, kann das Bleischrotverbot leichtfertig begrüßen. Seine Wahrheit ist eine andere. „Die Tiere gehen qualvoll zu Ende. Bei der letzten Entenjagd haben sie 50 Enten vom Himmel geholt mit dem Zeug, und die haben am nächsten Tag noch gelebt. Kann das der Sinn sein?“ Dass Stahl rostet und diese Rückstände ihren Weg in den Wasserkreislauf und in den Körper von Süßwasserfischen finden, wollen die Tierschützer nicht hören.

Von der kleinen Kuppe aus, weit hinter Herrn Muchitschs Haus, hat man einen wunderschönen Blick über das weststeirische Hügelland. Der Regen hat sich verzogen. „Das ist gut. Ich fahr in einer Stunde ins Revier“, sagt er, und eine betörende Zufriedenheit ummantelt ihn.

Warum kommt eine Gesellschaft mit dem archaischen Töten im Wald so schlecht klar, während sie das industrielle Töten in sterilen Schlachthäusern kaum berührt, Herr Muchitsch?

„Was weiß ich. Ich weiß nur, dass ich weiß, welchen Sinn dieser Beruf hat. Und er hat jede Menge Sinn.

CM5CONEMILL #5, 2014

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