Die Zwei aus der Zukunft

Florian Weitzer und Michael Pfaller sind Architekten. Behördenschrecke. Gastronomen. Interior-Designer. Traktorfahrer. Ach ja, und: Hoteliers sind sie auch.

Foto: Monika Reiter

Herr Weitzer, Sie haben gerade eine erfolgreiche Einkaufstour in Wien absolviert und werden dort bald ein zweites Hotel Daniel eröffnen, wie man hört?

Florian Weitzer: Wir! Bitte immer „Wir“ sagen! Und ja, das stimmt, aber das, was die da in der „Presse“ geschrieben haben, ist ein Blödsinn …
Michael Pfaller: Ein Hotel, ja, aber kein weiteres Daniel. In dem Gebäude am Schubertring war einmal das Bundesamt für Verfassungsschutz untergebracht. Im Herbst 2015 eröffnen wir.
FW Architektonisch ein extrem spannendes Gebäude. Ein 50er-Jahre-Bau.
MP Das neue Haus wird 191 Zimmer haben, also ungefähr das Volumen des Grazer Hotels Weitzer. Mehr wollen wir noch nicht verraten.

Warum eigentlich nicht noch ein Daniel? Die Hotels in Graz und Wien laufen doch sehr gut?
FW Als ich 2005 das Daniel umgebaut und beschlossen habe, dass wir keine Sternekategorisierung mehr wollen, war das sicher eine kleine Revolution. Nur: Heute ist das Daniel bereits wieder angreifbar geworden durch den Mitbewerb …
MP Der uns natürlich kopiert, aber schlecht. Ich behaupte ja, dass zwischen fünf und zehn Prozent unseres Umsatzes im Daniel Wien mit Kollegen gemacht werden.
FW Und damit leben wir auch, obwohl die Kopie immer eine extrem niedrige Stufe der Entwicklung ist. Aber was ich meine, ist: Wir sind mit unseren Konzepten in einer ständigen Absetzbewegung. Wir führen ein Leben auf der Flucht. Bauen dauernd irgendetwas Neues, um den anderen einen Schritt voraus zu sein.

Und einen weiteren 50er-Jahre-Bunkerbau ins Portfolio aufzunehmen, ist Teil dieser Absetzbewegung?
FW Zum einen hab ich mir früher einmal gedacht, dass ich eigentlich Architektur studieren könnte, aber ich hab das dann gleich wieder fallen lassen und BWL studiert. Weil da trieben sich die ganzen netten Mädchen rum! Trotzdem sind Hotel und Architektur bei uns untrennbar miteinander verknüpft. Da geht es nicht nur um meine persönliche Leidenschaft. Es macht einfach Sinn.
MP Ganz wichtig: Wir definieren uns nicht darüber, was uns Architekten oder Berater vorgeben. Alles, was wir machen, ist unsere Idee, beziehungsweise die Idee von Florian.
FW Wir werden nur als Hoteliers gesehen, die übrigen Leistungen schiebt man immer anderen zu.
Aber bei uns ist das eine Einheit. Wir suchen die Standorte ausschließlich nach der Architektur aus. Denn die Architektur kannst du nicht kopieren, die kannst du nicht mitnehmen. Und all die Immobilienleute sind wertlos. Man muss selber ein Gespür für den richtigen Standort und dessen Zukunftspotenzial haben.
MP Klar kannst du irgendeinen Elchkopf, den du in irgendeiner Bar siehst, in deiner eigenen auch aufhängen. Aber unseren genetischen Code kann man nicht einfach so entschlüsseln.

Verraten Sie mir trotzdem einen Baustein dieses Erfolgscodes?
FW Wir sind unendlich zäh. Bei unserem ersten Projekt in Wien waren die Verhandlungen schon zwei Mal gescheitert und in der dritten Runde wollten wir fast schon aussteigen, weil es preislich absurd wurde. Am Ende haben wir den Zuschlag doch bekommen.
MP Beim Daniel Wien haben uns alle vom Airstreamer-Wohnmobil im Garten abgeraten. Dann kam noch die Behördenhürde dazu. Auch wenn das dein Grund und Boden ist, kannst du in diesem Land nicht einfach einen Wohnwagen als Hotelzimmer vermieten, das ist in der österreichischen Gesetzgebung einfach nicht vorgesehen. Ist das nicht absurd? Wir leben in keinem wirklich freien Land, eher in der Vorstufe zum Kommunismus und zur Enteignung!
FW Na, na, ganz so arg ist es …
MP Und du kannst dir auch nicht einfach ein Boot aufs Dach setzen und Bienen züchten, so wie wir das in Wien gemacht haben.
FW Ja, das war eine lustige Geschichte.

Lustige Geschichten hören wir gerne …
FW Wir sind gemeinsam mit dem Künstler Erwin Wurm ins Bundesdenkmalamt marschiert. Das Büro von der Frau Präsidentin ist im obersten Geschoß der Hofburg, in dem Büro saß einmal Kaiser Franz Joseph. Da hängt auch ein schönes Bild von ihm an der Wand. Lustig, was die Leute für Büros haben. Und in diesem gediegenen Ambiente haben wir dann ein gepflegtes Streitgespräch geführt. Wir beide waren eh demütig …
MP … der Erwin hat aber gleich die künstlerische Freiheit infrage gestellt!
FW Eh gut! Hat funktioniert!
MP Und jetzt haben wir schon wieder was gemacht, um das wir seit zehn Jahren kämpfen.
FW Na ja, noch nicht.
MP Aber wir machen es. Einen Loft Cube auf dem Dach des Hotels Daniel in Graz!
FW Ein 360-Grad-Glaswürfel, der wie ein Adlerhorst über dem Gebäude schwebt. Zum Drin-Wohnen. Nicht zum Partymachen.

Das klingt nach Desperadotum. Wie geht das mit Ihren wirtschaftlichen Zielen zusammen?
FW Da sind wir wieder bei der Zähigkeit. Zum einen musst du einem Konzept Zeit geben, um sich zu entwickeln. Bei uns sind das drei Jahre. Zum anderen haben die meisten Unternehmer viel zu große Angst vor Behörden. Ist ja auch abschreckend. Die Wahrscheinlichkeit, zu scheitern, ist hoch, sodass man sich das eigentlich gar nicht antun will, zu Greti und Pleti hinzugehen – und dann kriegst du dort auch noch eine Abfuhr!
MP Meine Erfahrung ist die: Leute, die Projekte steuern, definieren viel zu schnell den Zeitpunkt, an dem „man“ besser Abstand von einer Idee nimmt.
FW Und viele Hoteliers legen einfach auf Details keinen Wert. Die nehmen keine 100.000 Euro in die Hand, nur damit da ein Boot vom Hoteldach hängt. Denen ist Cashflow wichtig. Wir sehen Hotellerie und Gastronomie aber nicht als reine Gelddruckmaschine. Aus Konzepten einfach nur Geld auszuquetschen, das ist zu einfach, zu primitiv.

Sie haben vor der Eröffnung des Restaurants Steirer im Hotel Wiesler gesagt: „Es muss nichts abwerfen, es muss gute Gastronomie für die Grazer bieten.“ Meinen Sie das ernst?
FW Na sicher! Du brauchst einfach Zeit, und Zeit ist Geld, und das Geld haben viele nicht. Die wollen die Kohle halt vorher verdient haben. Und dass mir dann auch immer der Mut vorgehalten wird, den ich angeblich gebraucht hätte! Bei der Abschaffung der Sternekategorisierung zum Beispiel. Da bedurfte es keines Mutes!
PW Das war eine überlegte Entscheidung. Unser Modell ist ein Wirtschaftlichkeitsmodell, das zu 100 Prozent aufgegangen ist! Ich habe früher für große Ketten wie Sheraton gearbeitet. Da wird ein Projekt angestartet und es werden enorme Summen investiert, aber ab dem ersten Tag, an dem das Ding in Betrieb geht, wird nur mehr gespart. Das ist der falsche Ansatz. Aber auch wenn das einige immer noch glauben wollen: Es geht uns nicht nur um Emotionalität.

Bleiben wir doch kurz beim Thema Emotion. Die spielt ja in der Designhotellerie eine wesentliche Rolle …
FW Wir waren ja mit dem Daniel in Graz von Anfang an Mitglied der Designhotels, aber vor drei Jahren sind wir ausgestiegen.
PM Design ist heute ein Allerweltsbegriff. Der kleinste Hotelier stellt sich zwei Interio-Lampen ins Zimmer und nennt das dann Designhotel. Als wir das Daniel Wien eröffnet haben, hat sich gezeigt, dass dieses Modell einfach nicht mehr zu uns passt.
FW Und die stellen auch so seltsame Fragen bei dieser Vereinigung.

Wie zum Beispiel?
FW Wer ist euer Designer? Wo kaufst du deine Designmöbel? Das ist doch blöd! Claus Sendlinger, ehemals Boss der Designhotels-Vereinigung, hat ganz verwundert gefragt: „Ja, aber wer soll das dann machen?“ Und wir haben gesagt: „Wir!“
PM Und er meinte: „Aber Florian, ich glaub, du kannst das nicht!“ Das hat uns natürlich doppelt motiviert! Der Erfolg gibt uns recht. Das Besondere an unseren Häusern ist dieses superindividuelle Universum, das wir, und niemand sonst, für die Gäste schaffen.

Aber Sie wachen ja auch nicht morgens auf und sagen sich: Oh, heute ist Montag, ich mache schnell eine Bienenzucht am Hoteldach auf! 
FW Mich inspirieren Orte wie dieses Hotel in den Abruzzen … Wie heißt das noch? Abruzzo?
PM Sextantio Albergo Diffuso.
FW Genau. Ein Hotel in einem Bergdorf auf 1600 Metern, neben Erdbebenruinen. Solche Orte inspirieren mich.

Zieht es Sie denn abseits Ihrer neuen Nebentätigkeit als Bauer auch professionell aufs Land?
FW Nein. Stadthotellerie ist eindeutig unser Ding, das machen wir sehr gut, besser als viele andere.

Sie betreiben drei Hotels in Graz und bald zwei in Wien. Gibt es weitere Expansionspläne?
PM Wir fahren keine Roll-out-Strategie.
FW Ich hasse den Begriff Roll-out. Ich kann das nicht mehr hören. Erinnern Sie sich noch an die Orange-Wings-Hotels?

Ehrlich gesagt: nein.
FW Die haben mit zwei gut laufenden Hotels beschlossen, zu roll-outen, und wollten in den nächsten Jahren 50 Hotels eröffnen. 50! Mir ist schleierhaft, wie man überhaupt zu so einer Zahl kommt.

Sie führen die Daniel-Hotels unter dem Motto „Smart Luxury“. Intelligentes, hochwertiges Design und Dienstleistung zu einem fairen Preis bilden den Kern dieses Konzepts. Wo sind die Grenzen des Legeren? Wie viel Luxus braucht der Gast?
MP Natürlich gibt es Gäste, die uns kritisieren. Die nicht akzeptieren, dass wir keine Vorhänge in den Zimmern haben, oder die finden, dass der Frühstücksraum wie eine Mensa aussieht.
FW Wir polarisieren. Aber manchmal muss man Leute vor den Kopf stoßen. Und was die Frage nach dem wahren Luxus angeht …
MP … Luxus definieren wir grundsätzlich nicht.
FW Es gibt aber viele Definitionen, was Luxus nicht ist. Den Gast in dieses klassische Luxuskorsett zu stecken, das ist völlig daneben.
MP Luxus ist, nicht von den Mitarbeitern bedrängt zu werden. Diese ganzen Dünkel! Wenn du zum Beispiel aus dem Taxi aussteigst, und drei Leute springen auf dich zu, um dir dein Gepäck aus der Hand zu reißen. Das ist deppert! Am Wiener oder Zürcher Flughafen geht man kilometerweit mit seinem Handgepäck, und plötzlich kann man es nicht alleine über zwei Stufen tragen?
FW Wenn du heute den Purzelbaum schaffst und einen Gast ansprechen kannst, der weiß, was Qualität ist, aber etwas weniger Geld in der Tasche hat, dann hast du einen riesigen Schritt gemacht.

2003 übernahm der 40-jährige Florian Weitzer die Geschäftsführung der Weitzer Hotels und damit die drei Grazer Luxushotels Wiesler, Weitzer und das Hotel Daniel am Hauptbahnhof. Ab diesem Zeitpunkt bleibt in den Traditionshäusern kein Stein auf dem anderen. 2005 kultiviert Weitzer „Smart Luxury“ im Hotel Daniel, das Haus wird Mitglied der Designhotel-Gruppe. Es folgen umfassende Umbauarbeiten in den beiden weiteren Hotels. Mit dem Restaurant Der Steirer samt angeschlossenem Feinkostshop im Hotel Wiesler etabliert Weitzer zudem ein modernes Food-Konzept, abgerundet durch das Casual-Dining-Restaurant Speisesaal im Hotel Weitzer. Seit 2010 verzichtet man im Hotel Wiesler und Daniel außerdem auf Sterne-klassifizierungen – auch im Daniel-Pendant in Wien, das 2011 eröffnete. Und weil Florian Weitzer ein ewig Rastloser ist, erwarb er kürzlich ein zwölf Hektar großes Grundstück im Norden von Graz. Der Neo-Bauer möchte mit dem Ernteertrag seine Hotels und Restaurants beliefern. Aktuell beschäftigt die Gruppe rund 300 Mitarbeiter, 2014 wird der Jahresumsatz 20 Millionen Euro betragen.

88e2444f8fOSCARS Magazine #1, 2014

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