Die Verwandlung

Hausbesuch bei Familie Gröller am Traunsee, die ihr traditionsreiches „Hotel Post am See“ in einen herrlich unkonventionellen, von der Belle Époque inspirierten Sehnsuchtsort für Freigeister und Schöngeister verwandelt hat.

Fotos: Monika Reiter, beigestellt

Der Traunsee ist ein brachial schönes Fleckchen Erde. Wenn man im Sommer die heißen Füße in den kalten See tunkt, den Blick auf den Traunstein gerichtet, kann man eigentlich nur zu dem Schluss kommen, dass das „gut“ in Salzkammergut von diesem Ort rührt.

Was dem Traunsee an naturgegebener Klasse nie fehlte, fehlte ihm an menschengemachter Hospitality-Klasse lange Zeit umso mehr. Bis Wolfgang und Monika Gröller mit ihrem 2012 neu eröffneten Das Traunsee und dem dazugehörigen, von 4-Hauben-Koch Lukas Nagl auf Weltklasseniveau bespielten Restaurant Bootshaus in Traunkirchen einen Ort zum gediegen liegen und sensationell speisen schufen. Zum damaligen Zeitpunkt leiteten die Gröllers auch schon das 1950 von Wolfgang Gröllers Großvater erworbene Hotel Post am See. Wolfgang Gröllers Vater baute es in den 1970er-Jahren das erste Mal um. Schließlich baue jede Generation einmal groß um, bemerkte er damals. Wolfgang Gröller sagt heute: „Jede Generation muss ihren Beitrag leisten, um die Substanz zu erhalten und zu erweitern.“

Der aktuellste Beitrag ist das neue Hotel Post am See am Traunkirchner Ortsplatz, das in vielerlei Hinsicht in einer ganz neuen, eigenen Liga spielt. Unverändert blieb eigentlich nur das prächtige Wirtshaus „Poststube 1327“ zu ebener Erd. In der Belétage im ersten Stock wird hingegen sofort klar: Das hier ist eine perfekt orchestrierte Ode an die Freude.

SCHÖNGEISTER UND FREIGEISTER

Es ist nämlich so: Wenn die Sonne durch die Fenster der Veranda der Belétage fällt und Monstera deliciosa Schatten auf die Paradiesvögel an den Tapeten wirft, wähnt man sich im Belle-Époque-Patio eines südfranzösischen Herrenhauses. Da ist edler Samt und Bouclé-Stoff, da sind opulent geschwungene Polstermöbel in tausend Farben Blau, Gelb und Rosé, da sind coole Separées und ein elegant-heimeliger Salon. Da werden von Küchenchef Max Deuker und Sous Chef Simon Harrer Gerichte wie Musifritten / Sauerrahm / Petersilie / Traunsee Fischbällchen / Paradeiser / Traunkrebs, Mühlviertler Bohnenkas / Chili / Miso / Koriander oder ein viergängiges Chef’s Choice-Menü im Sharing-Stil zu Tisch gebracht. Da schläft man in einem der 21 neuen „Freigeist“-Zimmer und Suiten schöner als Schneewittchen, oder planscht im Rooftop-BergSPA mit Infinity Pool. Und als wäre das alles noch nicht genug, wird in der Post am See mit einer ganzen Reihe an Beherbergungs- und Restaurations-Konventionen gebrochen.    

Hier kannst du alles sein und alles tun – aber müssen tust du nichts: Das ist die Idee, auf der alles in der neuen Post am See aufbaut.

ALLES KANN, NICHTS MUSS

„Wir wollten das Hotel und die Belétage in einen lebendigen, inspirierenden, kosmopolitischen, eleganten und gleichzeitig entspannten Ort verwandeln, in dem der Gast seinen Tag ganzjährig höchst individuell gestalten kann“, sagt Mimi Gröller, die ihre für das fantastische Interior verantwortliche Mutter Monika bei der Neugestaltung und Neuausrichtung maßgeblich unterstützte. „Hier kannst du alles sein und alles tun, aber müssen tust du nichts: Das ist die Kernbotschaft, die Idee, auf der alles aufbaut.“ In der Umsetzung bedeutet das unter anderem: Es gibt keine Pauschalangebote, Frühstück wird bis Mittag in der Belétage da serviert, wo es einem gerade gefällt, Halbpension ist keine Option, dafür stehen den Gästen alle kulinarischen Optionen in allen Gröller-Outlets offen. Im Restaurant der Belétage oder direkt am Küchentresen wird von 16 bis 22 Uhr New-Glocal-Küche vom Feinsten in beliebigem Umfang serviert, der Barbereich ist nicht nur zum gepflegten Trinken da, sondern je nach Laune auch Lesezimmer, Gesellschaftsraum oder Rückzugsort. „Von den klassischen Mustern wegzugehen und dem Gast möglichst viel Freiraum zu lassen, hatte für uns oberste Priorität, und ich bin überzeugt, dass darin die Zukunft liegt … nicht nur in London oder Paris, sondern auch an einem Ort wie Traunkirchen“, sagt Mimi Gröller.

MONET IM GLAS

Apropos London und Paris: Unter den vielen Einzigartigen der Belétage sticht die Bar, die sich tatsächlich genauso gut in einer der genannten Metropolen befinden könnte, besonders hervor. Wobei die Optik fast zur Nebensache gerät, wenn man sich an den Tresen zu Marcus Volsa setzt. Der 29-Jährige ist gelernter Tischler mit Masterabschluss in politischer Kommunikation, und war Politberater und Barkeeper im Wiener Speakeasy Plus43, bevor er als Head Mixologist in der Belétage übernahm.

Volsas Zugang zum Thema Barkultur ist außergewöhnlich, speziell jener zum Thema Signature-Drinks. „Am Anfang steht immer eine übergeordnete Idee, das kann Bild sein, ein Ort oder eine Zeit“, erklärt Volsa. Zum Opening und getreu dem Hausmotto „Find your inner artist“ ließ sich Volsa von Werken großer Impressionisten inspirieren. Van Goghs „Mandelblüte“ (Suntori Toki / Misobutter / Lapsang Souchong / Amontillado / Sesam Bitters) oder Giovanni Boldinis „Prinzession Bibesco“ (Traunstein Gin / Alte Williams / Fernet Hunter Granit / Rosé Schaumwein) werden auf Coastern gereicht, die das entsprechende Gemälde zeigen. Aktuell arbeitet Volsa an einem neuen Signature-Cocktail-Menü. Thema: Wald, Berg und Weide. Die trinkbaren Möglichkeiten werden sich im Winter von Funghi Porcini Old Fashioned bis zu Kürbis Colada erstrecken.

Mit seinen Signatures, sagt Volsa zum Abschied, wolle er schon zu einer neuen Barerfahrung einladen, aber auch keinen Gast ausschließen. Espresso Martini oder Negroni? „Geht natürlich auch.“ Weil an diesem Ort eben (fast) alles geht, aber nichts muss.

Erschienen in Quintessenz Magazin 02/24

Hinterlasse einen Kommentar