Die letzte Beere?

Der Klimawandel ist kein eingebildetes Phänomen, sondern Realität. Was bedeutet das für den österreichischen Wein? Wie können oder müssen Weingärten bewirtschaftet werden, damit er eine Zukunft hat, und was werden wir morgen trinken? Eine Suche nach Antworten in der Südsteiermark, im Kamptal und am Neusiedlersee.

Fotos: Lupi Spuma, beigestellt

Vergangenes Jahr wurde bei einer Veranstaltung in Wien unter dem Titel „Der letzte Jahrgang“ der Grüne Veltliner symbolisch zu Grabe getragen – inklusive Dompfarrer Toni Faber, der eine nicht ganz bierernste Trauerrede hielt. Der Hintergrund war natürlich trotzdem ernst. Denn der Klimawandel setzt dem heimischen Wein zu, die Doomsday-Szenarien sind zahlreich. Auszug: Den Status als „Cool-Climate-Wine“-Paradies sind wir bald los, pilzresistenten PIWI Sorten gehört die Zukunft, Ende des Jahrhunderts ist Österreich eine reine Rotweinnation. So weit, so düster.

Fakt ist: Die Jahresdurchschnittstemperatur hat sich in den vergangenen 70 Jahren um rund 2,0 °C erhöht. Mehr Sonne und längere Trockenperioden stressen die Reben, die ausgetrockneten Böden können bei Starkregen kein Wasser mehr aufnehmen. Durch die höheren Temperaturen lagern die Trauben außerdem mehr Zucker ein, was mitunter zu höheren Alkoholwerten führt. Die Vegetationsperiode verschiebt sich nach vorne, was das Risko von Spätfrost erhöht. Zwischen extrem heiß und trocken oder deutlich zu kalt und nass liegt ein schmaler Grat. Die Winzer haben mit allem zu rechnen, jederzeit und überall. Wie gehen sie damit um? Und ist der österreichische Wein mit seinen typischen Stilistiken dem Untergang geweiht?

Johannes Gross, Ratsch an der Weinstrasse

Johannes Gross, der in der Südsteiermark und der angrenzenden Štajerska rund 35 Hektar Rebfläche bewirtschaftet, möchte nicht in den Abgesang auf den heimischen Wein einstimmen. Ja, sagt er, das Wechselspiel aus hohen Temperaturen und konzentrierten Niederschlägen sei eine Challenge. Aber es brauche, unabhängig davon, ob biologisch oder konventionell gearbeitet werde, eben einen neuen Blick auf alte Gewissheiten in puncto Lagenausrichtung, Erziehungssysteme & Co. „Es wird in Zukunft wichtiger denn je denn sein, den Fokus auf die Stärkung der Widerstandsfähigkeit der Reben, auf Bodengesundheit und Biodiversität im Weingarten zu legen.“ Das macht den biologischen oder biodynamischen Weinbau jedenfalls interessant. Aber egal, wie man bewirtschaftet, man wird sich diesen Themen stellen müssen.“

Gross setzt unter anderem auf angepasste Begrünung, Humusaufbau und minimierte Bodenverdichtung. Letztere sei im Bioweinbau oft ein Thema, weil es in der Regel mehr Traktor-Überfahrten mit den zugelassenen Pflanzenschutzmitteln brauche. Gross testet deshalb seit einiger Zeit unter anderem den Prototyp einer elektromechanischen Pflanzenschutz-Spritze: den „Spritzengel“ des Start-Ups Green Hive von Robert Kögl-Rettenbacher und Martin Wohlkinger. „Der fährt selbstständig durch den Garten und hat 400 statt 3000 Kilogramm, was die Bodenbelastung maßgeblich verringert“, sagt Gross. Auch das Laubmanagement hat er angepasst. „Wir arbeiten seit Jahren daran, die Reben nicht mehr zu wipfeln – also die überhängenden Triebe zu stutzen – sondern legen den Trieb um den obersten Draht und signalisieren dem Stock damit einerseits, dass er keinen Wachstumsstress mehr zu haben braucht, andererseits haben mehr Blätter in der Traubenzone den Effekt einer natürlichen Klimaanlage.“

Den klassischen südsteirischen Sortenspiegel sieht Gross nicht akut in Gefahr. Die Arbeit mit und weitere Forschung an hitze- und pilzresistenten Sorten begrüßt er trotzdem. „Wir haben voriges Jahr auch das erste Mal PIWI gepflanzt und schauen uns an, wie sich das entwickelt.“ Weinbau, sagt Gross, sei schließlich Kultur – und die darf sich weiterentwickeln.

Alwin Jurtschitsch, Langenlois

Auch Alwin und Stefanie Jurtschitsch, Vorreiter des biologisch-organischen Weinbaus in Österreich, sehen Neuzüchtungen wie den Donauriesling als einen Teil des Lösungsansatzes. Alwin Jurtschitsch sagt aber auch klar: „Meine Energie konzentriert sich weiterhin auf Veltliner und Riesling und darauf, diese Sorten mit ihrer einzigartigen eleganten, kühlen und ausbalancierten Kamptaler Stilistik in die Zukunft zu führen.“ 

Wo das Extreme herrscht, müsse man alle Möglichkeiten ausschöpfen, um Balance zu schaffen. Das fange bei der Ausrichtung und Lage der Gärten an. Was heute in und rund um Langenlois noch als Top-Lage gelte, sei in 30 Jahren vielleicht keine mehr, das müsse man am Schirm haben. Ebenso wie den Umstand, dass nachhaltige Bewirtschaftung alleine im Weinbau oft nicht mehr ausreichend sei, um den Extremen etwas entgegenzusetzen.

Solange wir nicht in der Tradition einschlafen, werden wir im Kamptal auch weiterhin mineralische Rieslinge und frische Grüne Veltliner produzieren. Für mich ist der regenerative Weinbau
der Schlüssel zum Erfolg dieser ,Future Classics‘

Jurtschitsch bewirtschaftet seine Weingärten nach den Prinzipien der regenerativen Landwirtschaft. Deren Ziel ist, Bodenlebendigkeit, Artenvielfalt und Rebengesundheit behutsam und wirkungsvoll zu beeinflussen. Das von Jurtschitsch geschnürte Maßnahmenpaket ist umfangreich, es reicht von gezielter Begrünung mit Bienenweide, Mohn, Leinotter und Leguminosen, die Stickstoff in den Boden einbringen und vor allem den für die Humusbildung essenziellen Regenwürmern ein wundervolles Zuhause bieten, bis zur Pflanzenstärkung und Aktivierung der Mikroorganismen im Boden mithilfe selbstgemachter Brennnesselgülle und Komposttees. Auch bei der Laubarbeit sei konstantes, individuell angepasstes Feintuning gefragt. „One-Fits-All“-Lösung gebe es keine, aber Jurtschitsch glaubt, dass ein Schlüssel zum Erhalt gesunder Reben und hochwertiger Trauben in moderatem Wachstum und niedrigeren Laubwänden liegt. „Desto höher die Laubwand, desto mehr Wasser benötigt die Rebe, und Wassermangel wird im Kamptal sicher noch ein Riesenthema“, sagt er. „Begrünung bedeutet natürlich auch Wasserkonkurrenz, aber lieber das, als einen offenen Boden.“ Es seien, betont Jurtschitsch, viele kleine Schritte und ein tiefes Verständnis für natürliche Prozesse und Zusammenhänge notwendig, um den Weinbau im Kamptal zukunftsfit zu machen. Und gesunde, blühende Weingärten zu schaffen, „in denen jeder Schmetterling, der vorbeifliegt, bleiben will“.

Hans & Martin Nittnaus, Gols

Den Reben geben, was sie in Zeiten, in denen viele alte Weingartenweisheiten immer weniger Gültigkeit haben, brauchen – also eine natürliche, artenvielfältige Umgebung und eine aufmerksame, besonnene Hand – ist auch für die Pannobile und respekt-BIODYN-Winzer Hans und Sohn Martin Nittnaus prioritär. „Wir haben das Glück, dass Sorten wie Blaufränkisch oder Furmint mit der Hitze ganz gut fertig werden“, sagt Hans Nittnaus. „Aber dass auch wir hier eine Zeitenwende erleben, ist unbestritten. Wir haben heuer zum Beispiel am 14. August mit der Lese begonnen, vor 20 Jahren haben wir Mitte September gestartet. Und 2024 war überhaupt ein herausforderndes Jahr, mit viel Regen, relativ hohem Pilzdruck und mörderischer Trockenheit im Sommer.“ Die Qualität der diesjährigen Ernte sei dennoch sehr gut, ergänzt Nittnaus, der den glücklichen Ausgang des Weinjahres auch auf die biodynamische Bewirtschaftung der Golser und Leithaberger Gärten zurückführt. Auch Nittnaus setzt auf maximal humose Böden mit guter Wasserspeicherfähigkeit, auf Kompost- und Brennesseltee, auf Schafgarbe, Ackerschachtelhalm und Leguminosen. Die Trockenheit sei dennoch Dauerthema. „Die alten Reben sind stressresistenter, aber in den jüngeren Weingärten, vor allem in einigen Schieferlagen am Leithaberg, geht es ohne Tröpfchenbewässerung nicht.“

Apropos Lagen: Lagen ohne Südost- oder Südwest-Ausrichtung, ist Nittnaus überzeugt, könnten in den kommenden Jahren vor allem für Weißweine noch interessanter werden. „Einige der älteren, kühleren Nord-West-Lagen am Leithaberg bringen exzellente Weißweine wie den Manila von Martin hervor, und ich glaube grundsätzlich, dass die Weißweine vom Leithaberg zukünftig in der absoluten Top-Liga spielen werden.“ Den roten Leisorten mit ihrer herkunftstypischen Stilistik wird er aber ebenso wenig abschwören, wie Johannes Gross dem Sauvignon Blanc oder Alwin Jurtschitsch dem Grünen Veltliner.

Die Extreme werden nicht weniger werden. Aber die Beispiele aus der Steiermark, Niederösterreich und dem Burgenland zeigen, dass es möglich ist, die Ausschläge auszutarieren. Noch können die Trauerreden für den heimischen Wein in der Schublade bleiben.

Erschienen in Quintessenz Magazin 02/24

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