Das Gleichförmige muss ins Eckige

Schicksalsmoment mit Zwetschkentarte oder: Warum wir über die Instagrammisierung unseres Alltags nachdenken sollten.

Instagram ist ein einfacher Weg, die Momente der Welt festzuhalten und zu teilen. So beschreibt sich Instagram, das Online-Fotobuch mit 500 Millionen Mitgliedern weltweit, selbst.

Und schon wird es – in aller Einfachheit – kompliziert. Der Vorfall mit meinem Zwetschkenkuchen zeigt, wie kompliziert.

Dafür muss ich ein bisschen ausholen.

Die Beschreibung meines Accounts trägt den Titel „Food. Travel. Work. Love“. Das klingt schmissiger als „Journalistin“ und passt außerdem in den anglizismusverseuchten Sprachfundus urbaner Kulturschnösel. Meine aktuell 198 Beiträge sind 198 Quadraturen einer Welt, in der sich offenkundig alles um eben diese vier Schlagworte dreht. Wer mich nicht persönlich kennt, verdächtigt mich zurecht, meinen Alltag damit zu verbringen, an paradiesischen Stränden rumzulümmeln (#paradise #beauty, #travellingtheworld), bei angesagten Küchenchefs zu dinieren (#seelenfutter, #highfoodality, #michelinstarchef), meinen Mann zu küssen (#love), Gartenarbeit zu verrichten (#diy, #organicfood, #gardenstate) oder täglich gutaussehendes Essen auf den Tisch zu bringen (#cookingisthenewyoga, #seasonaldelights, #foodielove).

Tatsächlich verbringe ich 90 Prozent meines Tages vor dem Bildschirm in einem abgedunkelten Büro. Die einzige, die in meinem Garten etwas umgräbt, ist eine Wühlmaus. Meine Urlaube verbringe ich zumeist auf meinem Balkon, mit Blick auf die Häuserfront gegenüber. Ich küsse meinen Mann regelmäßig, allerdings vor der Kulisse unseres Garderobenständers. Ich koche an sechs von sieben Wochentagen Erbsenreis, Geschnetzeltes, Pasta und ähnlich Pin-Up-untaugliche Gerichte.

Das sind sie, die sehr unaufgeregten Momente meines Lebens. Völlig Insta-wertlos.

So ein Insta-wertloser Moment war auch jener, als ich vor einiger Zeit die eingangs erwähnte Zwetschkentarte aus dem Ofen holte. Sie duftete himmlisch, und schirch war sie auch nicht. Wobei „schön“ und „schirch“ ja für Süßwaren eigentlich zu vernachlässigende Kategorien sind. Aber: Wie sie da so vor sich hin dampfte, in ihrer ausgebeulten Tarteform, im dumpfen Licht des späten Nachmittags, am eindeutig zu lange nicht mehr geputzten Ofengitter, war ich schon ein bisschen stolz.

Es war ein guter Moment meiner Welt.

In einem spontanen umstürzlerischen Akt zückte ich mein Smartphone und machte ein Bild von meinem ordinären Kuchen, fest entschlossen, ihn in all seiner Unscheinbarkeit mit der Welt zu teilen.

10 Bilder und drei Minuten später hatte die Revolution ihr eigenes Kind schon gefressen.

Die Form wanderte auf den Küchentisch. Schöne Holzoptik, natürlicher Lichteinfall. Die fünf übrig gebliebenen Zwetschken habe ich um die Form herum drapiert (DRAPIERT, was völlig absurd ist, denn welcher Mensch bei Verstand würde die Zutaten eines Kuchens um den Kuchen herum verstreuen, was Dreck und Arbeit verursacht, und überhaupt hat der Kuchen doch eh einen Namen, der darauf schließen lässt, woraus er besteht … ceci n’est pas un Zwetschkenkuchen!). Und weil im verschwommenen Hintergrund ja jetzt immer irgendwas passieren muss, wenn man Essen fotografiert, hab ich außerdem noch die weiße Orchidee von der Fensterbank gefischt und die Blüten kunstvoll perspektivisch angeschnitten über meine Tarte wachen lassen. Meine Damen und Herren, hier präsentiere ich Ihnen eine steirische Zwetschkentarte in ihrem natürlichen Konsumhabitat aus dem Amazonasgebiet!

Ich habe, den ästhetischen Grundprinzipien der digitalen Fress-Fotografie folgend, aus dem jeweils 90-, 45- und 30-Grad-Winkel dann noch je drei Bilder gemacht. Eine Kaffeelänge gebraucht, um eines davon als Insta-würdig zu betrachten. 6 Filter drüber gelegt, mich am Ende für den für die Zurschaustellung von Nahrung am beliebtesten (Clarendon) entschieden.

23 Likes und ein Herzchen hat die Welt mir dafür zurückgegeben. Ich finde ja, das ist eine bescheidene Zustimmungsausbeute. Aber ich bin in puncto Abo-Zahlen auch Insta-Unterschicht.

Abends lag meine Tarte, müde vom Schönsein, immer noch in ihrer Form auf dem Tisch, ich auf der Couch und las in „Die Zeit“ einen Artikel darüber, wie die ästhetischen Instagram-Gesetze, denen sich wie Welt fast widerspruchslos unterwirft, unsere Wahrnehmung  der Welt und unser Selbstbild verzerren. „Instagram ist wie Pornografie – kennste einen Pornofilm, kennste alle“, stand da, die Berliner Kunstwissenschaftlerin Anika Meier zitierte diesen Satz aus ihrem Künstlerumfeld, und erklärte damit, warum Instagram für sie mittlerweile “todlangweilig, weil gleichförmig“ sei.  Ich musste kurz an einen Tocotronic-Song aus grauer Vorzeit denken, „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ heißt er, was ein Oxymoron  ist, weil Tocotronic Musik machten, die mainstreamuntauglicher nicht hätten sein können. Mein inszenierter Zwetschkentarte-Moment war auch ein Oxymoron. Wie konnte es passieren, dass wir in einem Zeitalter, das kaum ein höheres menschliches Ziel kennt als absoluten Individualismus, gleichzeitig so immer gleich sein möchten. Immer gleich angezogen, immer gleich schlank, immer gleich glücklich, immer gleich eingerichtet, immer gleich reisend und essend und in den Sonnenuntergang blickend.

Dann fiel die Tür ins Schloss, und in der Küche hörte ich den Mann, der sich ein Stück von der Tarte abschnitt und sie damit davor bewahrte, in Schönheit zu sterben.

„Was machen die Zwetschken da?“, fragte die Stimme irgendwann aus der Küche.

Was soll ich sagen: Es ist kompliziert.

Erschienen in Heldinnenheft 01/18

 

 

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