Altes, Smartes, Grünes

Das klassische Designhotel ist tot, es lebe der erlebnisreiche Sehnsuchtsort. In den Hotels der Zukunft finden Historisches und Neues, Natur und Technologie zusammen. Ein Ausblick.

Die Welt der Hotellerie ist voller Mysterien. Wer hätte sich vor ein paar Jahren träumen lassen, dass Budget-Hotels zu Vorreitern in Sachen Lifestyle werden. Dass ein Luxushotel heute weder ein Sternerating, noch ein Zimmertelefon braucht, um sich als solches zu bezeichnen. Dass Anbieter wie Airbnb auch deshalb immer größer werden, weil Reisende lieber in Wohnungen von echten Menschen logieren als in schnörkellosen Hotelzimmern.

In kaum einer anderen Branche wurde in den vergangenen Jahren die alte Welt der Kost und Logis mit ihren Vorstellungen von Annehmlichkeiten, Service, Ambiente und Interior so sehr auf den Kopf gestellt, wie in der Hotellerie. Die ebenso rasante wie radikale Abkehr vom gewohnten Hotelerlebnis ist dabei keineswegs nur eine Modeerscheinung. Vielmehr reagieren Hoteliers mit der Umorientierung vom anonymen Hotelbunker hin zum charmanten Haus mit privatem Charakter auf den Wertewandel der Kundschaft. Und für die soll ein Hotel heute ein erlebnisreicher, authentischer Ort zum Entspannen, Arbeiten, Essen, Trinken oder Leute treffen sein. Das Hotel der Zukunft kann, je nach Standort und Zielgruppe, vieles sein: Solange es dabei nicht wie ein Hotel wirkt.

Nun sind viele Trends im Hoteldesign natürlich genauso kurzlebig wie jene in der Mode. Dass sich in Europa  etwa das Konzept des Roboters als Empfangsdame, wie in Henn-Na-Hotel im japanischen Sasebo, langfristig etablieren wird, ist trotz der verstärkten Hinwendung zu smarten Lösungen unwahrscheinlich. Mit der Entwicklung flippiger Hotelmarken und ein paar hippen Vintage-Sesseln in der Lobby alleine ist es heute allerdings auch nicht mehr getan. Denn Design ist heute kein Verkaufs- und Unterscheidungsmerkmal mehr. Welche Makrotrends werden sich also zukünftig durchsetzen? Und wie kann es gelingen, aus einer Unterkunft einen Sehnsuchtsort zu erschaffen?

Begreife den Ort

Die italienische Design-Ikone Matteo Thun, der sich nebst Illy-Kaffeetassen oder Waschbecken seit vielen Jahren auch höchst erfolgreich dem Design von Hotels annimmt, formulierte seinen gestalterischen Zugang einst mit den Worten, man müsse die Seele des Ortes, an dem man baut, verstehen und erfassen. Eine Meinung, der sich noch vor zehn Jahren kaum ein Hotelier angeschlossen hätte. Da fiel die Entscheidung, ein bestehendes, renovierungsbedürftiges Objekt abzureißen und ebenda ein neues zu bauen, schneller als der Bauherr „Bagger“ sagen konnte. Doch jetzt sind es tatsächlich mehr denn je der Ort und das Gebäude selbst, die im Fokus des Erlebnisses stehen und die Basis für das „Storytelling“ bilden: eine erzählenswerte Geschichte, verknüpft mit einem stimmigen Interior-Design, und einer der Zielgruppe und Zeit exakt angepassten Dienstleistungsqualität.

Man kann am Globus drehen und beeindruckende Beispiele dafür finden, wie dieses Triumvirat aus Erfolgsfaktoren zusammenspielen kann. Man landet dann etwa im  Warehouse Hotel in Singapur. Ein ehemaliges Gewürzwarenlager im Kolonialstil, ein Stück Industriegeschichte. Anstelle einer Abrissbirne baumeln hier riesige Industrielampen von schwarzen Eisenträgern von der Decke, in den Zimmern spielen Kupfer und Beton die Hauptrolle, die großen, alten Glasfenster dienen heute unter anderem als Überdachung für den Infinity-Pool am Dach. Wer hier her fährt, möchte im Wegsein daheim sein. Das geht übrigens auch in Österreich sehr gut, etwa in Florian Weitzers Wiener Hotel Grand Ferdinand. Das Palais am Schubertring wurde nach Kriegsschäden in den 1950er-Jahren komplett neu aufgebaut, Weitzer brachte diese vergangenen Epoche nach innen: Lobmeyr-Luster und Thonet-Stühle da, geschwungene Betthäupter und Neobarock-Spiegel dort, dazu ein stimmiges Kulinarik-Konzept mit Szegediner-Krautfleisch & Co.

 

Ultra-lokal in Schön

Vorarlberg ist ein Land, in dem Design, Architektur, Natur, Stilbewusstsein, Authentizität und gastgeberische Leidenschaft schon mit der Muttermilch aufgesogen werden. In keinem anderen Bundesland nimmt man sich in der Hotellerie so präzise, formschön und stimmig dem Vorhandenen an. Als beispielhaft für diese richtungsweisende Mélange aus Ursprünglichkeit und modernem Komfort gelten vor allem zwei Häuser: Das Hotel Bären in Mellau sowie der Gasthof Krone in Hittisau. Im Hotel Bären wurden im Zuge der Revitalisierung im Innenraum originale Elemente teilweise erhalten oder wiederverwendet, etwa der alte Dachstuhl. Naturmaterialen sorgen für entspannte Schlichtheit, die Möbel stammen von regionalen Handwerkern, und im hauseigenen Café Deli wird regionales Frühstück, Slow Food und Specialty-Coffee serviert. Übrigens auch für Nicht-Hotelgäste.

Auch die Besitzer des Gasthof Krone in Hittisau entschieden sich, historischen Altbestand und moderne Wohnlichkeit miteinander zu verbinden. Die alte Stube wurde funktionell ins 21. Jahrhundert geholt, in den Zimmern dominieren feine Stoffe und Eiche. Es gibt eine Musiksammlung, Ruheräume, Naturkosmetik, eine Hausbibliothek, Lesungen, Vorträge und außerdem ein Restaurant, das sich mittlerweile über die Landesgrenzen hinaus einen Namen gemacht hat.

It’s always greener on the inside!

Eng verknüpft mit der wachsenden Bedeutung des Ortes oder Hauses ist die zusehende Vernetzung von Mensch und Natur – in Innenräumen. Dafür gibt es mittlerweile eine eigenen Ausdruck: Biophilie. Biophiles Design zielt nicht darauf ab, einfach nur ein bisschen Grünzeug in der Lobby zu platzieren. Vielmehr basiert das Konzept auf der Idee, dass wir auch in menschgemachten Räumen natürliche Elemente und natürliche Formen suchen. Senkrechte Gärten, Treibholz, ein Indoor-Dschungel, kleine Wasserläufe, natürlicher Lichteinfall, naturnahe Materialien bedienen diesen Wunsch nach Natur als Teil der Ausstattung. Oder, wie im Falle des Leoganger Vollholz-Hotels mama thresl, das städtischen (in Form von Wein-Humidor, offener Insel-Bar, Restaurant und Lobby mit Screenwand und Live-DJ-Pult) und alpenländischen Stil vereint, mit einer Indoor-Kletterwand  und einem Raum der Stille, in dem sich massives Holz organisch in die Ecken und Schrägen des Raumes schmiegt und das Panoramafenster einen förmlich nach draußen zieht.

 

Dank Biophilic-Aspekten werden Lobbies zu Hangouts, die zum Verweilen einladen. Das Home-Away-Konzept schlägt sich in keinem anderen Hotelbereich zukünftig intensiver nieder. Wohnzimmeratmosphäre mit warmen Farben und gemütlichen Ecken ist angesagt. Die Lobby wird zum sozialen Dreh- und Angelpunkt, in denen man sich mit Freunden und Businesspartnern trifft, isst, liest oder einen Drink nimmt. Der klassische Front Desk weicht gemütlichen Lounge-Areas mit großzügigen Tischen und Rezeptionsmitarbeitern, die einen erstmal mit Kaffee oder einem Glas Wein versorgen, bevor sie sich zu einem setzen und per iPad einchecken. So geschieht das unter anderem im Amsterdamer Volkshotel, oder aber auch im Wiesergut im salzburgischen Hinterglemm.

Urban und smart

Die moderne Stadthotellerie wird sich zukünftig in puncto Personalisierung und Erlebnis noch intensiver mit dem Thema smarte Technologien und raffinierte Funktionalität auseinandersetzen. Gemeinschaftsräume werden größer, spannender und gemütlicher, die Zimmer dafür kleiner und smarter. In den Hamburger 25hours-Hotels gibt es etwa eigene Selfie-Areas. iPad Check-Ins machen Spaß und riesige Front-Desk-Areale überflüssig, und mit personalisierten Tablets am Zimmer kann der Hotelgast Roomservice ordern und nebenbei die Temperatur regeln. Im Hotel Schani in Wien hat man gar mit so gut wie allen gängigen Hotelstrukturen gebrochen: Es gibt ein mobiles Check-in-System, das Gästen via Smartphone zur Verfügung steht. Das Telefon ist gleichzeitig auch Zimmerschlüssel. Die Auswahl des Zimmers steht dem Gast frei und kann bis zum Check-In jederzeit geändert werden. In der Lobby befindet sich ein Coworking-Space und im Innenhof ein gemütlicher Garten, es gibt österreichische Snacks und eine hübsche Bar. Mehr braucht es im Herzen einer Stadt auch nicht.

Erschienen in Quintessenz 02/18

 

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