Am Bernerwürsteläquator

Was dem Flachländer gerne entfällt, weil kalendarisch gesehen schon Frühjahr ist und man bereits bei diversen Zusammenrottungen des gehobenen Bobotums im Ruderleiberl am linksgedrehten Zackelschafjoghurt-Shake nuckeln kann: Wintersporttouristisch gesehen befinden wir uns noch im Winter.

So strebt manch einer, der pannonischen Tiefebene überdrüssig, nach oben. Und hat dabei – da beinbruchloser Skilauf ohnehin nur in einem Zeitfenster von neun bis maximal zwölf Uhr mittags möglich ist – vor allem eines im Sinn: die Einkehr.

Die Skihütte als Meditationsraum.

In dem Helene Fischer oder DJ Ötzi so laut aus den Boxen plärren, dass man zum ersten Radler gerne eine Packung Ohrstöpsel mitbestellen würde. In dem es nach Zitrus-WC-Erfrischer, Pommes-Bratfett und Schweiß riecht, Hände auf in Wodka-Feige-Shots getränkten Tischplatten festkleben, und in dem es kulinarisch normative Verpflichtungen gibt, denen man sich auch dann beugen muss, wenn einem der Sinn gerade nicht nach Pressfleisch in Glutamatsauce steht.

Auf so gut wie jeder Hütte über eintausend Metern – unabhängig davon, ob man jetzt am Arlberg oder am Semmering sitzt – werden diese als „Hüttenklassiker“ titulierten Speisen in militärisch organisierten SB-Stationen ausgegeben und dienen, wie auch die Verköstigung in einem Gebirgsjägerfeldlager, primär der Energiezufuhr.

Dass im Alpenraum traditionell keine Schonkost serviert wird, hat natürlich historische Gründe. Gröstl, Kaspressknödelsuppe & Co. wurden ursprünglich für Männer mit furchigem Gesicht erdacht, deren Arbeitsplatz sich knapp unterhalb der Baumgrenze befand und die Spitzhacken, Sägen und Sensen zu ihren ständigen Begleitern zählten. Meine Oma würde sagen: für alle, denen man ehrliche Arbeit an der Krümmung ihrer Halswirbelsäule (den Altvorderen als Buckel geläufig) ansieht. Und bucklige Senner und Baumfäller bekommt man mit einem Alpenkräutersalat nicht satt. Jetzt hat sich aber die Demografie der Bevölkerung in den Nordalpen verändert, die Furchigen sind wohlstandsbäuchigen Sonnenskiläufern gewichen und die Senner von damals sind heute Liftwarte oder Skilehrer oder Hoteliers. Und was sie von dieser kulinarischen Tradition als klassisches Hüttenessen weitergeben, ist eine Persiflage seiner selbst.

Ein Mysterium, wie selbstverständlich Wasser mit Suppenwürfel als Rindsuppe durchgeht und ein Kaspressknödel von der Konsistenz eines Softgun-Geschoßes schamlos in selbiger versenkt wird. Von dem Martyrium, das die Röstzwiebeln durchleben müssen, wenn sie nicht vollständig aufgetaut auf Kunstkäsespätzle gepappt werden, will ich gar nicht erst sprechen.

Den Wirten alleine eine Vernachlässigung der kulinarischen Sorgfaltspflicht vorzuwerfen, ist natürlich ein bisschen so, als würde man Helene Fischer vorwerfen, dass ein Ritt auf einem ferngelenkten Feuervogel die Popmusikkonzertkultur zerstört. Die Gesetze des Marktes sagen: Der Hüttenwirt verlässt den Pfad der bedachten Speisenzubereitung, weil die Kundschaft gerne almhüttenküchentypisch zerlemperte Germknödel bestellt.

Bevor jetzt der falsche Eindruck entsteht, dass ich alle Skihüttenbesitzer des Landes für ihre Kost gering schätze: Auch am Bernerwürsteläquator bestätigen Ausnahmen die Regel. Mancherorts streben die kulinarischen Ansprüche ja mittlerweile auch nach oben. Kobe-Rind statt Spaghetti Fix.

Wer sich weder für das eine noch das andere begeistern kann: Kulinarische Tradition kann man auch beim Dorfbäcker und dem Fleischhauer erwerben, und sogar im bobotauglichsten Mini-Alpinrucksack finden ein Feitel, eine Tupperdose und ein Bio-Zitronen-Radler Platz.

Nur auf Helene Fischer muss man dann halt verzichten, so ganz allein in der Sonne, an eine Latschenkiefer gelehnt.

10439397_445422105623736_7703949067876828491_nCONEMILL Magazine #6, 2015

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s