Das (bl)öde Land: Ein Entzugsversuch

Der Niedergang einer Kultur lässt sich in Zeiten wie diesen ganz einfach nachvollziehen. Man muss nur sein TV-Gerät einschalten.

Gut, das ist jetzt keine ganz neue Erkenntnis, denn Kleiderstangenscheuchen und Kakerlakenbäder-Ausraster und Bauernfangen werden schon seit einigen Jahren von den Sendern als Quotengaranten im modernen televisionären Allgemeinbildungsrepertoire geschätzt. Dennoch kann man sich als zeitweiliger Herr über die Macht der Fernbedienung des Eindrucks nicht erwehren, dass nicht nur die Privatsender, sondern auch die Öffentlich-Rechtlichen 2014 den Kessel der gezielten Volksverdummung noch ein wenig stärker befeuern. Und das Ernüchterndste an dieser Entwicklung ist: Man kann sich diesem gezielten Angriff auf die noch aktiven Gehirnzellen kaum noch entziehen.

Man scheuert sich die Finger an den Knöpfen der Fernbedienung wund, stundenlang, rauf und runter, eine Endlosschleife, die bald in Erschöpfung mündet. Es bleibt nicht mehr viel, am Ende, vielleicht ein Löwenmännchen in Namibia, das seine Nachkommen auffrisst und ein Reporter namens Dirk Steffens, der das zu Sehende ausführlich kommentiert, so, als würden vor den TV-Geräten ausschließlich Sehbehinderte sitzen. Nun packt er es am Hals. Nun bricht er ihm die Knochen. Nun macht er sich über die Eingeweide her. Danach wird er sich mit der Löwin paaren. Sie paaren sich. Alas! Also arbeitet man sich nach einigen Minuten wieder weiter, die Äuglein bereits auf Halbmast, da der Todeskampf in Namibia im wahrsten Sinne des Wortes für alle Beteiligten so zäh war, und wo auch immer man Halt macht, schleudert einem das Universum menschliche Abgründe entgegen, die irgendwo zwischen Zirkus, Jahrmarkt, Horrorschocker und Traumschiff liegen.

30 Sekunden RTL Mittagmagazin. Vor mir Larissa Marolt. Lebensleistung bis dato: Reiches Kind vom Wörthersee sein, Kandidaten beim Klum’schen Kleiderstangenscheuchen und Schauspielschülerin in New York. Im Mittagsmagazin von RTL ist Larissa eine Fixgröße, weil ein blondes aber hartnäckiges Hascherl ihrer Ausprägung ein Geschenk für jeden TV-Macher ist. Weil sie sich aktuell mit einer maximal ansatzweise nach Deutsch klingenden Sprache dermaßen hysterisch durch das australische Dschungelcamp plärrt, dass man seinen Zeigefinger besser am Mute-Knopf belässt. Zur Sicherheit. Larissa Marolt, die keinen angebrannten Reis vom beherzten Genitalwäscher Winfried vorgesetzt bekommen will, sich mit weit geöffneten Augen darüber wundert, „ob der Herr Petroleum jetzt die Lampe erfunden hat, oder was?“. Die alle ausbuhen und alle hassen und trotzdem lieben, weil man sich so gerne ergötzt am leidvollen Dasein dieses armen, verwirrten Görs, das die Zuseher beinahe schon vergessen hätten. Ich werde Larissa übrigens an diesem Tag noch mehrmals sehen. Immer mit dem gleichen Preview. „Lass mich halt auch mal was alleine machen! Alles was ich mache ist falsch! Ihr seid wie Spione!“ heult es durch den Wald. Im Mittagsmagazin. Dann noch in Taff (Pro 7). Dann noch mal bei Exclusiv und der glattgebügelten Frauke Ludowig, und natürlich auf VOX bei Prominent.

Auf dem Weg zu ARTE passiert mir dann Eigenwerbung von VOX. Ein Kenianer steht in einer Lederhose vor einer Umkleide und sagt „Ai wonna dance in this!“ Eine blonde Dame mit dem Oberschenkelumfang eines Zuchtbullen, besser bekannt als Anni Friesinger, flötet darauf hin „Mei, fesch san’s, die Buam!“. The Real Cool Runnings nennt sich diese mit Peinlichkeiten vollgestopfte Inszenierung menschlicher Herabwürdigung, in der eine Olympiasiegerin im Eisschnellauf vier kenianische Läufer ins bayrische Inzell importiert, um ihnen ihre Sportart näher zu bringen. Spontan erinnere ich mich an eine Textzeile der EAV: „Heute gemma Nega schaun, des wird ein Trara! Uh!“ War damals politisch inkorrekt, ist es heute noch, der Unterschied ist nur, dass die EAV damals provozieren wollte. Was Frau Friesinger begleitet von TV-Kameras hier vollführt, ist hingegen ernst gemeint. In einem Interview mit Focus.de wehrte sich die Dame übrigens gegen Rassismus-Vorwürfe. Selbstverständlich gehe es ihr nur um die sportliche Komponente. Selbstverständlich möchte sie ihnen, als waschechte Bayerin, ihre Kultur näher bringen. Aber vorführen, nein, also ehrlich. Weil wo, bitteschön, ist denn da ein Unterhaltungseffekt gegeben, wenn vier Kenianer sich mit Messer und Gabel an einem Schweinsbraterl abmühen, hm?

Gut, zur Ehrenrettung der deutschen Privaten muss man sagen, dass in Österreich nicht minder Fragwürdiges auf den Bildschirmen geschieht. Herz von Österreich etwa. Die Show für „Musik aus Österreich“. Castingshows und Österreich haben sich noch nie sonderlich gut vertragen, aber mit dieser Ausgeburt an Fremdschämformaten hat man sich bei PULS 4 selbst übertroffen. Hüttengaudi mit Werger, Ötzi, Plöchl und, last but not least, dem personifizierten Bauernbundball-Gaudirocker Andi Gabalier. Die Provinz war nie ohrenbetäubender im Fernsehen präsent als hier, und die Kandidaten erfüllen alle Erwartungen.

Aber es ist dann vielleicht doch zu einfach, nur die Privaten abzuwatschen. Weil es die Öffentlichen ja nicht besser machen, oder sagen wir eher: sie machen es kontinuierlich genauso mies. Eine Show wie „Die große Chance“ ist dem ORF ja auch nicht einfach passiert, im Gegenteil. Irgendwer am Küniglberg hat sich große Mühe gegeben, das Niveau schön tief zu halten, damit die Zuseherzahlen nicht völlig ins Bodenlose kippen. Spontan muss ich an Frau Sarkissovadenken. Ein eierbestöcktes Sonderexemplar in der Welt der televisionären Volksverblödung und würdige Nachfolgerin Frank Stronachs am obersten Fremdschäm-Olymp. Wie ein sterbender Aal wand ich mich die wenigen Male, die ich diesem Sautreiben der Peinlichkeiten beiwohnte, auf der Couch, wenn Frau Sarkissova zur Beurteilung der Performances bei der „Großen Chance“ schritt. Überhaupt: Ihr Schritt. Den hätte sie wohl auch noch hergezeigt, wenn man sie gelassen hätte. So begnügte sie sich mit Anzüglichkeiten, dem professionellen Schürzen der nicht vorhandenen Lippen, pointierten Kommentaren („Aahlssso, deine Auftritt ist ganz tief hineingegangen in meine Herz!“) und der Zurschaustellung ihrer tänzerischen Künste, die sie angeblich mal hatte, bevor sie Nacktsein, Bisexualität und Verbalerotik zu ihren Hauptmetiers erkor. Fazit: Castingshows im ORF sind schon aus Tradition eine würdelose Angelegenheit, aber mit dem Stereotyp der geilen Russin am Jurorensessel hat man sich heuer selbst übertroffen. Neben dieser Frau sah sogar die der deutschen Sprache kaum mächtige Zunftnudel Zabine noch professionell aus.

Bei unseren Nachbarn übrigens macht das bildungsbeauftragte ZDF neuerdings auch keine schlanke Figur mehr. Stichwort: Lanz-Gate. Als gäbe es nicht schon ausreichend Talk bei den Öffentlichen, die zumeist von lähmender Fadesse geprägt sind. Als gäbe es nicht schon genug Talkmaster, die im Boulevard besser aufgehoben wären und denen man dennoch politische Diskussionsrunden anvertraut. Dass Markus Lanz in seinem Interview mit Frau Wagenknecht journalistisch versagt hat, steht ausser Zweifel. Dass Frau Wagenknecht eine Talkshow-Sesselkleberin ist und sich nun medial höchst effektiv als Opfer inszeniert, sollte allerdings auch nicht ganz außer Acht gelassen werden. Was aber egal ist, denn auf meinem Weg zu ARTE, auf dem ich mich immer noch befinde, wird wenig über Frau Wagenknecht berichtet, dafür sehe ich Markus Lanz auf eigentlich jedem Sender.

You just can’t escape the madness.

Als ich dann bei ARTE bin, endlich, rührt eine Korsin versonnen in einem Topf über offenem Feuer Bohnen mit Speck. „Zu Tisch in …“ heißt die Sendung. Werde ich hier schlauer werden? Werde ich nun unterhalten werden? Wird das alles hier Sinn machen? Die Antwort lautet: Ja. Denn ich war noch nie auf Korsika. Und ich darf jetzt 30 Minuten lang teilhaben am echten Leben von vier Menschen.

Danke. Dafür.

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