Kontinentalverschiebung

 

Zwölf Millionen Einwohner, drei Millionen Autos, 3000 Moscheen. Istanbul ist groß, laut, schnell – und magisch. Ein Erfahrungsbericht vom Goldenen Horn.

Jeden Tag kurz vor Sonnenaufgang gibt sie einem nichts, lediglich ein diffuses Leuchten über dem Goldenen Horn. Ein paar Möwen, die im Wind über ihr stehen und mit einem erwartungsvollen „Ähng, Ähng“ die Dunkelheit verabschieden. Vielleicht – wenn man Glück hat und die Möwen kurz schweigen – das Geräusch hastiger Schritte auf Kopfsteinpflaster, die ihr Erwachen ankündigen.

Aber wenn Istanbul erwacht, dann mit voller Wucht.

Perfekt akkordiert legen sich die Gesänge der Muezzins über die Schlafenden und rufen ihre Bewohner in die Gebetshäuser. „Gott ist groß. Eilt zum Gebet, eilt zur Seeligkeit“, tönt es von den Türmen der 3000 Moscheen der Stadt. Dieses Lied der tausend Stimmen, das fünf Mal am Tag erklingt, hat etwas Überwältigendes, Mächtiges, Unumstößliches. Und keine anderen Eigenschaften könnten die 12-Millionen-Metropole am Bosporus besser beschreiben als diese drei.

1600 Jahre lang war das heutige Istanbul Hauptstadt der Byzantiner, Römer und Osmanen. Sie liegt auf zwei Kontinenten, hat 120 Kaiser und Könige erlebt, Revolten, Tragödien, rauschende Feste, epische Fehden. Pracht und Prunk des vergangenen Byzanz und Konstantinopels sind in einem modernen Istanbul, das zaghaft, aber stetig mit dem Westen flirtet, lebendig wie eh und je. Die Türken seien das stolzeste Volk der Welt, heißt es, und angesichts ihres kulturellen Erbes versteht man nur zu gut, warum.

Auf einer Fläche von 150 mal 130 Kilometern findet zusammen, was immer schon irgendwie zusammengehört hat in dieser Stadt, die sich konstant auf der Schwelle befindet. Zwischen Ost und West, zwischen Religionen, Kulturen, Weltanschauungen.

Wer sich von Sultanahmet, dem historischen Altstadtbezirk auf der europäischen Seite Istanbuls, aus aufmacht, stößt quasi mit der Nase an den Eingangsportalen der Touristenpflichtziele an. Der Süleymaniye-Moschee, nebst der weltberühmten Blauen Moschee eine der größten und prunkvollsten der Stadt. Der Hagia Sophia, letztes großes Bauwerk der Spätantike, Hauptkirche des Byzantinischen Reiches, religiöser Mittelpunkt der Orthodoxie und heute Wahrzeichen Istanbuls. Dem Topkapi-Palast, groß wie eine Kleinstadt, einst Wohn- und Regierungssitz der Sultane, heute der vielleicht beste Ort für einen beispiellosen Blick auf Istanbul und das Goldene Horn.

In Laufnähe: der Grand Bazaar, Bauch der Stadt. Ein 31.000 Quadratmeter großes Ungetüm, das 4000 Geschäfte beherbergt und mindestens ebenso viele Touristen verschlingt – pro Stunde. Die endlos scheinenden Gänge vollgestopft mit Töpfen, Teppichen, Granatapfel- und Baklava-Türmen, Plunder und Krimskrams. Auf dieser Seite der Galata-Brücke ist Istanbul ein einziger enger, heißer, hektischer, lauter Gemischtwarenladen. Schön, aber auch verkitscht, gierig, konservativ. Und, so sagen es die jungen Istanbuler hinter vorgehaltener Hand, schlicht langweilig.

Dönerland, unbekannt
„Deshalb steigen dort auch die meisten Touristen ab!“, lacht der Besitzer des Granatapfelsaftstandes auf dem Vorplatz des alten Sirkeci-Bahnhofs, wo es nach Meer und Safran, Piment und Käse riecht und die Galata-Brücke sich auffordernd vor einem in die Höhe reckt.

Geh. Rüber.

Wer nach drüben, auf die asiatische Seite Istanbuls, wechselt, lässt die rauchenden, auf der Straße Backgammon spielenden Männer mit ihren Teetassen hinter sich und findet: Bars, Cafés, Buchläden, Ethno-Shops, Straßenkünstler. Mädchen in kurzen Röcken und engen Oberteilen, Transvestiten, händchenhaltende Männer, Politaktivisten.
Kurz: das Istanbul, das es wissen will.

Zwischen Gezi-Park, Taksim, dem Beşiktaş-Fußballstadion und Galata-Tower ist Istanbul jung, hip, aufmüpfig. Und gleichzeitig sehr viel authentischer, als man erwarten würde.

An dieser Stelle macht es Sinn, übers Essen zu reden.

Nirgendwo sind die Restaurants zahlreicher, die Gästeschichten unterschiedlicher, die Preisscheren größer als hier. In den vergangenen Jahren sind viele Küchenchefs, die ihrer Heimat einst den Rücken kehrten, um sich auf internationalem Gourmet-Parkett zu beweisen, zurückgekehrt ans Goldene Horn. Köche wie Mehmet Gürs, halb Finne, halb Türke, der im 17. Stock des „Marmara Pera Hotels“ skandinavisch-osmanische Küche auf Sterneniveau zelebriert. Wer im „Mikla“ zu Abend isst, will es sich leisten. Und kann es auch. Den Blick über die Stadt zumindest gibt es gratis.

Den wahren Geschmack Istanbuls aber findet man hier auf der Straße. Und nur da.
In „Hamdis Restaurant“ etwa, einen Steinwurf entfernt vom Taksim-Platz, das versteckt an einer kleinen Nebenstraße der berühmtesten Einkaufsstraße Istanbuls, der Istiklal-Straße, liegt. Dort lernt der unwissende Istanbul-Tourist schnell die wichtigste kulinarische Lektion überhaupt. Nämlich: Döner ist kein Streetfood. Sondern eine vollwertige Mahlzeit, die im Sitzen eingenommen wird. Und das liegt nicht etwa an der mangelnden Bewegungsfreude der Türken, sondern an der mangelhaften Transportfähigkeit des türkischen Originals. Denn anders als hierzulande werden die würzigen Lamm-, Kalb- oder Putenfleischstreifen für gewöhnlich nicht in einem Pide-Brot samt Sauce versenkt und zum Spaziergang freigegeben, sondern dünn aufgeschnitten und auf einem Teller mit Tomaten-Zwiebel-Paprika-Salat und hauchdünnem Yufka-Fladenbrot obenauf serviert.

Abgesehen davon: Die Stadt hat weitaus spannenderes Schnellessen zu bieten als geröstete Fleischhobel. Und während sich rund um die Istiklal die Touristen in Erwartung eines nicht artfremden Pide-Döners vor den rotierenden Fleischspießen zusammenrotten, biegen die Einheimischen ab. Und machen halt vor einem der unzähligen Imbiss-Karren und Klapptischen, an denen knorrige, schnauzbärtige Männer ihre Speisen feilbieten. So wie Ali, der in der Atlas-Passage der Istiklal-Straße jene Spezialität verkauft, mit der Ali Senior – Allah hab ihn selig – zu einer kleinen Berühmtheit der Istanbuler Streetfood-Szene aufstieg: Içli Köfte. Das Rezept für die goldgelb gebackenen Teigtaschen, die optisch an eine Mischung aus Krapfen und Frikadellen erinnern und aus Bulgur und Lammfleisch hergestellt werden, hat Alis Mutter Fatma aus der ostanatolischen Heimat mit in die Stadt gebracht. Beyoglu gilt als Epizentrum dieser frittierten Spezialität. Aber die wirklich besten Içli Köfte, versichert Ali Junior, gibt es natürlich nur an seinem Stand.

Weiter die Istiklal hinunter in Richtung Galata-Turm reihen sich am Straßenrand dicht an dicht kleine Wagen, von denen aus einen gebratene Maiskolben, geröstete Kastanien, Sesamkringel, mit Reis gefüllte Miesmuscheln und Manti – kleine Nudeltäschchen mit Joghurtsauce – anbrüllen: Friss mich! Und es gibt wenig gute Argumente, die dagegen sprechen. Allein der Kokorec-Verkäufer, der seinen Rollwagen auf dem kleinen Platz am Ende der Istiklal, gegenüber einer Filiale der amerikanischen Fast-Food-Kette „Shake Shack“ geparkt hat, versucht vergeblich, für seinen mit Schafsinnereien gefüllten und mit Darm umwickelten Spieß zu werben.

Man muss nicht immer alles.

„Freiheit herrscht nicht“
Was man in der Türkei muss, darf – oder eben nicht darf –, darüber machen sich die Menschen in allen 39 Stadtvierteln Istanbuls verstärkt Gedanken, seitdem Recep Tayyip Erdoğan die Geschicke des Staates lenkt. Nur verleiht man im jungen, europäisch geprägten Beyoglu kritischen Gedanken sehr viel offener Ausdruck als auf der anderen, der geografisch gesehen europäischen Seite der Galata-Brücke.

Im „TAG Café & Bistro“– die Sanatorium Project Galerie für moderne Kunst gegenüber, den Taksim-Platz im Rücken – stellt Ersin Davazli die kleinen Tassen mit türkischem Kaffee auf Untersetzern mit einem Bild ab, auf dem grün-rosa Pflanzen aus rissigem Beton sprießen. „Who needs Twitter?“ steht darunter geschrieben und Ersin weiß, dass er die Botschaft dahinter nicht erklären muss. In Ersins Café hängt moderne Kunst an der Wand, hinter der Bar werden so unauffällig wie möglich Mojitos gemixt, es riecht nach gefüllten Calamari in Knoblauchöl und die Musik aus den Boxen kommt aus Österreich. Unübersehbar klebt der kreisrunde Radio-Superfly-FM-Sticker an der verglasten Eingangstüre des „TAG“. Er kenne einen Radiomacher aus Wien, erzählt Ersin, der habe ihn auf Superfly aufmerksam gemacht. „Sehr gute Musik!“ Einmal nach Wien zu fahren, wäre sein Traum, sagt er dann in perfektem Englisch. Aber für ein Touristenvisum müsse man bis zu 100 Euro auf den Tisch legen, das sei nicht leistbar für Normalverdiener wie ihn. Zumindest bis nach Ungarn hätte er es aber schon geschafft, zum Sziget-Musikfestival, erzählt er stolz, bevor eine Gruppe Galatasaray-Istanbul-Fans in die Straße einbiegt und zielsicher auf das „TAG“ zusteuert.

Die jungen Menschen in Istanbul, sagt Ersin zum Abschied, denken nicht wie Erdoğan. Wir werden weitermachen, auch wenn die Auseinandersetzungen am Taksim der Vergangenheit angehören. Auch wenn der Ausschank von Alkohol zwischen 22 und sechs Uhr in Beyouglu mittlerweile eigentlich verboten ist. Wir lassen uns nicht einschüchtern von Kussverboten in U-Bahn-Stationen, Twitterblockaden, Kopftuch-Geboten. „Sag das den Menschen in Österreich, ja?“

Ja.

Das Lächeln des Monsieur Ibrahim

Zurück in Sultanahmet, etwas abseits der Antiquitätengeschäfte, Ramschläden, Mini-Markets und großen Basarstraßen, macht sich auch Monsieur Ibrahim Gedanken über die Türkei und seine Hauptstadt. Vor allem darüber, wie die Touristen seine Stadt und ihre Bewohner sehen und erleben. In Ibrahims Geschäft Kunde zu werden, ist eine Wohltat, denn anders als seine Nachbarn, die vor ihren Läden Position beziehen und auch nach dem viertausendsten erschöpften Kopfschütteln nicht davon ablassen, einem „Hello, stop, beautiful lady, hello!!“ entgegenzubrüllen, sitzt Ibrahim einfach nur hinter seinem Tresen, trinkt Tee und wartet auf Kunden. Seit über zehn Jahren verkauft Ibrahim in der Peykhane Caddesi handgewebte Polsterüberzüge und kleine, kunstvoll bemalte Steinfliesen. Es reicht zum Leben, sagt er, und für seine große Leidenschaft, das Reisen. Letztes Jahr erst war er in Paris. Aber die Franzosen, findet Ibrahim, seien ein sehr unfreundliches Volk. „Wenn man in Paris jemanden nach dem Weg fragt, bekommt man nie eine Antwort, nur einen bösen Blick!“, schimpft er und schüttelt entrüstet den grauen Kopf. „In Istanbul würde das niemals passieren! Wir sind eine weltoffene Stadt, bei uns ist jeder willkommen! Oder etwa nicht?“ Zustimmendes Nicken.

Und dann lächelt Monsieur Ibrahim ganz kurz ein zufriedenes Lächeln, mit dem man die Welt beherrschen könnte.

Während er sechs Stück Fliesen sorgfältig in Blisterfolie einschlägt, rät Ibrahim noch, sich unbedingt das Istanbul anzusehen, in das sich nur sehr selten Touristen verirren. Viertel wie Beşiktaş. Dort gibt es kaum Touristenattraktionen, dafür echtes Istanbuler Streetlife. Und einen Fischmarkt, der vielleicht nicht so berühmt ist wie jener in Karaköy, den man aber unbedingt gesehen haben sollte. Der frische Bonito am Beşiktaş Balık Pazarı, sagt Ibrahim, sei der beste der ganzen Stadt.

An dieser Stelle wird das größte Problem an vier Tagen Istanbul deutlich: die Zahl Vier. Eine geradezu lächerliche Zeitspanne für die Entdeckung einer Stadt, deren Dimension nicht zu erfassen ist. Eine Stadt gleich einer konstanten Explosion von Leben. Eine Stadt, größer und weiter, als das Auge auch vom allerhöchsten Aussichtspunkt der Metropole aus reichen kann. Es würde Monate dauern, sich durch die Häuserschluchten an den Stadträndern, die verwinkelten Gassen, Bazare, Moscheen, Parkanlagen zu schlagen.

Aber die Zeit, die im Moment fehlt, wird einem bei der nächsten Reise wiedergegeben. Man muss den Zeiger einfach nur an einer anderen Stelle auf null zurückstellen.

CONEMILL #7, 2015

COnemill_Cover_Sommer

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