Die eingebildeten Kranken

Die moderne Soziologie hat großen Gefallen daran gefunden, ihre Daseinsberechtigung mit der Frage nach dem Zustand der Jugend von heute zu begründen. Verlottert, faul und porno sind die Halberwachsenen im 21. Jahrhundert, so die Theorie. Eine Sichtweise, der man sich getrost verweigern darf.

Am Anfang die Frage, ob ich überhaupt noch als Jugend durchgehe. Ich bin über 30, habe in meinem Leben bis dato redliches Geld verdient, wohne seit ich denken kann nicht mehr zu Hause und finde den Besuch von Rockfestivals inklusive herzhafter Schlammwälzerei nur mehr bedingt amüsant. Ich schiebe hingebungsvoll die Kinderwägen meiner Freunde, ernähre mich ausgewogen, besitze ein Fitnesstudio-Abo und betrachte das Tragen verschlissener Socken als größtmöglichen Akt der Revolution. Soziologisch gesehen bin ich also auf den ersten Blick soweit von Jugendlichkeit entfernt wie davon, als Jungfrau zu sterben. Der zweite Blick würde mich als vorzeigbaren Vertreter der Erwachsenen, denen man ja grundsätzlich gerne die Eigenschaft des Scheintodes zuschreibt, jedoch schon wieder unbrauchbar machen.

Warum?

Weil ich mir trotz der Aussicht auf anstehendes Tagewerk regelmäßig vernünftig einen hinter die Binde kippe. Ich zahle meine Rechnungen grundsätzlich zu spät, mache nicht jedem Rollatorfahrer mit einem milden Lächeln im Gesicht Platz in der Straßenbahn, verachte lautstark Autoritäten, widerspreche meinen Eltern und arbeite, um zu leben – nicht umgekehrt. Ich konsumiere Assi-TV vom Format eins Dschungelcamps und weiß (seit vielen Jahren) sehr genau, was auf youporn so läuft. In meinem Kühlschrank gammelt auch mal friedlich ein Gurkerl vor sich hin, ich putze grundsätzlich meine Schuhe nicht und in meinem Auto sieht es aus, als wäre ich vor Jahren darin eingezogen.
Schenkt man der Systematik, nach denen Menschen anhand ihrer Verhaltensmuster in „normale Erwachsene“ und „jugendliche Wahnsinnige“ eingeteilt werden müssen also Glauben, was bin ich dann? Ein fehlgeleiteter Erwachsener, oder ein ewig Jugendlicher, oder – für Systematiker ganz übel – gar ein Hybrid?

Nicht kategorisierbar zu sein schmerzt die Wissenschaft. Besonders jene Vertreter, die sich an Statistiken klammern, die sie nur deshalb erstellen können, weil sie sie selbst gefälscht haben. Aber die sommerlochuntaugliche Realität ist: Die Jugend war immer schon der mystische Albtraum all jener, die vor uns da waren. Die Jungen, das sind die, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben. Es ist weniger die Sorge der „Alten“ um Werte und Moral, die das Fundament der Skepsis gegenüber den Nachkommenden bildet, sondern vielmehr Neid und gewolltes Unverständnis als Zeichen und Mittel zur Abgrenzung. Die Menschheitsgeschichte ist voll mit Zeugnissen dieser so törichten, rebellierenden Jugend. Sokrates mokierte sich bereits über deren Liederlichkeit. Unsere Großeltern muckten schon auf und kassierten dafür Ohrfeigen, dann setzten sie unsere Eltern in die Welt, die wiederum knielange Röcke und Swingabende zurecht beengend fanden und Hippies wurden (ein Lebensentwurf, den sie auch heute noch gerne bei geselligem Zusammensein hochjubeln). Sie zogen ohne Geld und ohne Plan lieber von zu Hause aus, als sich angestaubten Vorstellungen vom normalen Leben zu unterwerfen, und sie vögelten und soffen keinen Deut weniger, als wir das ein paar Jahrzehnte nach ihnen taten. Und – man man es nicht glauben – aber die Menschheit ging darob nicht vor die Hunde.

Trotzdem klammern sich alle in diese zutiefst selektive Wahrnehmung des Ist-Zustandes. Heute ist, was damals schon war, wenn auch die Lebenswirklichkeiten sich verschoben haben mögen und es in der Natur der Sache liegt, dass sich Werte verändern. Dieser Werteverschiebung ist jedoch eher einer Pendelbewegung gleichzusetzen, die rund um einen zivilisatorischen Wertekreis, wenn man so will, stattfindet. Auf die große Freiheitsbewegung der Hippie-Ära folgte eine Phase des Konformismus, auf Promiskuität folgte Enthaltsamkeit, auf das große Prassen der Yuppies eine Welle der neuen Bescheidenheit, und auf Party-to-the-People der Rückzug in die eigenen vier Wände.

Diese viel zitierte Generation Y, auf die sich nun alle stürzen wie verbitterte, halbverhungerte Geier auf ein Stück Aas, ist weder selbstverliebter, größenwahnsinniger oder verdorbener, noch sind ihre Vertreter „weichgespültere Klonkrieger“, wie in der Huffington Post verlautbart, als andere zuvor. Sie strauchelt, so wie alle anderen jungen Generationen auch – mit dem Unterschied, dass sie sich die Ohrfeigen, die sie früher von ihren Eltern bekamen, nun eben direkt vom Leben selbst abholen. Sie sind Produkte ihrer Umwelt, wie wir alle, nur dass wir, die wir uns als „erwachsen“ verstehen wollen, diesen Umstand gerne leugnen.

Das sollten sich vielleicht all jene vor Augen führen, die Beschwerde als Ausgleich für die eigene, altersbedingte Unzufriedenheit sehen. Die Firmenchefs, die sich zu Tode geschuftet haben und in ihrem Hamsterrad aus Geld, Machtkampf und falschen Vorstellungen von Erfolg gefangen über die neue Selbstbestimmung ihrer Arbeitsbienchen lamentieren, die sie selbst nicht leben durften, konnten oder wollten. Die Sittenwächter, die heute über der Frage verzweifeln, ob es entwicklungspsychologisch vertretbar ist mit 14 Jahren darüber Bescheid zu wissen, was Analsex und BDSM bedeutet, weil sie selbst zu gerne in einer Zeit aufgewachsen wären, in der man Blümchensex ohne schlechtes Gewissen kurz mal gegen Handschellen eintauscht. Unsere Eltern, die sich in den späten 60ern das Hirn weggekifft haben, nur um später ein solides Haus mit Garten zu bauen, ihre Kinder auf gute Schulen zu schicken und ihnen Disziplin abzutrotzen.

Dieser Mythos der verlorenen Unschuld der Jugend darf enden. Wir, die wir noch nicht ganz angekommen sind in diesem Gewirr aus Meilensteinen des Erwachsenseins, werden immer die sein, vor denen sich unsere Eltern gefürchtet haben. Und unsere Kinder werden dasselbe sagen, wenn sie jung geworden sind. Gott sei Dank.

zapperlapapp, 2014

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