Schuld und Bühne

 „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“, wissen wir seit der Dreigroschenoper. Was Bert Brecht einst so sauber trennte, führt der Megatrend Veganismus wieder zusammen. Darf er das?

Es gab tatsächlich Zeiten, in denen italienische Kalbsledersandaletten bewundernden Zuspruch einbrachten. Und in denen man die Welt durch ein Filetsteak auf dem Sommerfest-Griller nicht zu einem schlechteren Platz machte.

Das ist jetzt anders.

Rund um die Freude am Tierprodukt hat sich eine Empörungskultur formiert. Man isst nur noch, was einst Wurzeln schlug. Man lässt Finger und Zehen von Schurwollteppichen, gibt sein Chesterfield-Sofa zur Feuerbestattung frei, trägt Hanffaser-Slipper mit Synthetiksohlen und preist die geschmacklichen Vorzüge von Sojaburgern.

Man fühlt sich dadurch als besserer Mensch.

Der bessere Mensch lebt vegan. Der bessere Mensch zelebriert Verzicht. Der bessere Mensch läutet damit das Ende von Zivilisationskrankheiten, Massentierhaltung und Klimawandel ein.

Ich kenne bessere Menschen. Und manche davon mag ich sogar. Solange wir nicht darüber reden, was wir essen, welche Schuhe oder Gürtel wir tragen oder aus welchem Material wir einen Pullover herstellen würden. Denn dann wird aus einem angeregten Dialog ein aufgeregter Monolog, und aus mir eine Mörderin.

Das lass ich nicht gern auf mir sitzen. Nicht einmal moralische Unterlegenheit lass ich mir einreden. Weil ich das tue, was selbstverständlich ist: Nur was einst glücklich auf Almwiesen graste, kommt mir in die Pfanne. In meinem Kleiderschrank gibt es weder Nerzmäntel noch Krokoledertaschen. Und was in meinem Kosmetikschrank steht, wurde nicht an Laborratten  auf Verträglichkeit getestet.  

Ob das, was ich für vernünftig halte, auch die vegane Amtskirche als Verbrechen sieht, interessiert mich aber doch. Also frage ich jemanden, der es wissen muss: Felix Hnat, Obmann der Veganen Gesellschaft, Österreichs Ober-Veganer. Ein freundlicher junger Mann. Freundlich nicht zuletzt deswegen, weil er von extremistischen Lupineneis-Essern und Moralkeulen nichts wissen will. Hnat argumentiert erfrischend unaufgeregt und hat vor allem Zahlen parat („Neun Prozent aller Österreicher ernähren sich mittlerweile vegetarisch oder vegan“) und Studien. Wie jene der American Dietetic Association, die belegen will, dass vegane Ernährung Bluthochdruck und erhöhtes Cholesterin senkt, Darm- und Prostatakrebs vorbeugt und für Menschen in jeder Lebensphase geeignet ist.

(Da kann man übrigens anderer Meinung sein, nur der Vollständigkeit halber: Das Bundesministerium für Gesundheit stuft vegane Kost für Babys und Kleinkinder als ungeeignet ein. Die deutsche Gesellschaft für Ernährung weist eindringlich auf eine mögliche Unterversorgung mit wichtigen Nährstoffen und Mineralien hin, wenn man den Kleinen Fleisch vorenthält. Hnat kennt diese Argumente. „In gewissen medizinischen und wissenschaftlichen Kreisen in Österreich“, sagt er, „gibt es nach wie vor keine adaptierten Lehrpläne und Ausbildungen, die sich intensiver mit den Vorteilen veganer Ernährung beschäftigen.“ Die vegan aufgeklärten Amerikaner, meint er, seien uns auch da einfach überlegen.)

Was also, Herr Hnat, tu ich jetzt, wenn ich mich in den Augen meiner veganen Freunde moralisch zurückrunden möchte? Alles, was einmal Kuh war, wegschmeißen? Meine knochenverleimte Kommode, meinen Flokati, mein Bone-China-Porzellan als Werke des Teufels verdammen und dem Scheiterhaufen überantworten?

„Nein“, sagt er.

Einfach: „Nein.“

Und: „Die vegane Lebensweise unterliegt keinen strengen Gesetzen. Die meisten Neo-Veganer werfen weder ihr Sofa noch ihr Auto weg. Sondern warten, bis beides kaputt ist. Und kaufen sich dann etwas Veganes.“

Den Fleischfressern vorzuschreiben, wie sie zu leben haben, sieht Hnat nicht als Aufgabe der Veganen Gesellschaft. Alles, was wir wollen, sagt er, ist, den einen zu erklären, warum die anderen nicht zwingend unrecht haben. Und umgekehrt.

Veganer, sagt Hnat, sind auch nur Menschen. Keine Ernährungs- und Lifestyle-Extremisten.

Und ganz sicher keine Glaubenskrieger am Grill.

10437607_310662195766395_3189010298033129818_nCONEMILL #4, 2014
 

 

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