Die Macht der Makellosen

Schönsein, Schönleben, Schönreden: Instagram hat sich von der praktischen Foto-App zur ultimativen Bühne des inszenierten Daseins gemausert, auf der Lebenswirklichkeiten geformt werden, die kein Scheitern und keine Makel erlauben. Wie die Instagrammisierung des Alltags unser Selbstbild ins Wanken bringt.

Foto: Esmee Holdijk

In Jessie Bushs Leben lacht immer die Sonne. Das muss auch so sein, denn die gebürtige Neuseeländerin mit permanentem Wohnsitz auf Instagram ist eine der Anführerinnen der öffentlich ausgestellten Privatheit auf einer der erfolgreichsten Social-Media-Plattformen der Gegenwart. Auf ihrem Account „wethepeoplestyle“ erschafft die Frau mit dem ausgesprochenen Talent zum beiläufig wirkenden Herumfläzen auf Vintage-Sesseln in über 3000 Beiträgen eine Welt voll paradiesischer Strände, Designerklamotten-Musts und glücklicher Momente mit Mann und/oder Hund. Alles, was Jessie Bush tut, trägt, trinkt oder auf ihren Size-Zero-Körper schmiert, ist irgendwie relevant – und erstrebenswert. Das finden auch ihre 320.000 Abonnenten, und belohnen ihre Bemühungen um Bilder, die beweisen, dass sie gerade sehr schön verreist oder einfach nur neue Gucci-Schuhe trägt, mit freundlich knappen Worten wie „Amazing!“ oder „Perfection!“.

Da packt Frau Ottonormal schnell der Neid auf so viel schönes Leben, gepaart vielleicht mit ein bisschen Wut auf die eigene vermeintliche Mittelmäßigkeit. In der man nicht im Interior-Design-Traum sondern in normalen Zimmern wohnt, sich morgens minder fotogene Stullen schmiert statt Latte-Art zelebriert, und die Yoga-Posen sich nach einem Arbeitstag und mit zwei Kindern auf Verrenkungen vor der Waschmaschine beschränken.

LIKES PFLASTERN UNSEREN WEG

Was amüsant und irgendwie auch erst mal gar nicht so bedrohlich für das eigene Wohlbefinden klingt, hat tatsächlich Auswirkungen auf unsere Psyche. In Zeiten, in denen 700 Millionen Menschen über einen Instagram-Account und 2,1 Milliarden über ein Facebook-Profil verfügen, ist die tägliche Online-Erfahrung zweifelsohne so prägend für unser Selbstbild – und unsere Selbstakzeptanz – , wie Offline-Interaktionen. Soziale Netzwerke machen uns die kontrollierte, permanente, geschönte Selbstdarstellung so einfach, wie nie. Und weil niemand gerne Fotos von sich mit strähnigen Haaren oder Speckröllchen postet, sind wir auf Instagram auch fast nur noch mit aufregenden, schönen, erstrebenswerten Leben der anderen konfrontiert. Mit Leben wie dem von Jessie Bush, die weder steinreich, noch außerirdisch schön oder in irgendeiner Alltagsdisziplin außergewöhnlich erfolgreich ist – und trotzdem ein Idol der Gegenwart. An ihren und den vielen anderen, ausgestellten Idealen – sei es jetzt der schlanke #afterbabybody (75.000 Posts) oder der die beste #workoutmotivation 5.405,699 Posts) – messen wir uns. Unterbewusst, aber konstant.

WETTRÜSTEN MIT DEM „MÄDCHEN VON NEBENAN“

„Der soziale Vergleich ist ja an und für sich nichts Außergewöhnliches“ sagt die Grazer Psychologin und Universitäts-Lektorin Gayannée Kedia, die den Zusammenhang zwischen Selbstwertgefühl und sozialem Vergleichen erforscht. „Wir haben etwa in einer Studie herausgefunden, dass vergleichende Urteile beim Betrachten eines Bildes innerhalb von 115 Millisekunden getroffen werden.“ Sozialer Vergleich sei ein unvermeidbarer Prozess, der unserer Selbsteinschätzung diene, motiviere, unser Selbstwertgefühl erhöhen soll. „Dabei suchen wir uns Vergleichsstandards, die uns sinnvoll erschienen.“ Soll heißen: Wir tendieren dazu, uns nicht mit den Kardashians dieser Welt zu vergleichen, sondern mit Menschen, die uns in punkto Lebensentwurf, Bildung oder Status ähnlich sind.

„Durch die sozialen Medienwelten haben wir Kontakt zu Leuten, die eben nicht Kim Kardashian sind, sondern Menschen, die uns eigentlich ähnlich sind, deren Lebensumfeld aber viel attraktiver scheint. Gemessen an deren Leben, wirkt unser eigenes schnell ziemlich langweilig und grau.“

Genau darin liegt die größte Bedrohung fürs eigene Selbstwertgefühl, sagt die Sozialpsychologin und Medienethikerin Catarina Katzer. Sie hat mit „Cyberpsychologie“ ein Buch darüber geschrieben, wie das Leben im Netz uns verändert. „Unsere Instagram-Freunde sind ja meist Menschen, die authentisch wirken, uns auf einer emotionalen Ebene nahe sind, deren Lebensumfeld aber sehr viel attraktiver wirkt, als unser eigenes. Wie wir alle üben sie über ihre eigene Darstellung im Netz große Kontrolle aus, sie präsentieren ein Bild von sich selbst und ihrer Welt, das immer toll und aufregend ist“, sagt Katzer. Was Influencern wie Jessie Bush so große Wirkung verleihe, sei das Bild des Mädchens von Nebenan. In deren Leben es aber scheinbar keine wenig beneidenswerte Alltagsaufgaben wie Rechnungen begleichen, Kinder wickeln oder das Chaos von der letzten Party beseitigen gibt. „An diesem Punkt verrutscht unsere eigene Realität, denn wir fragen uns, warum diese eigentlich mir nicht so unähnliche Person so ein tolles Leben hat. Und wie wir es schaffen könnten, uns und unser Leben entsprechend zu optimieren.“ Das befeuere einen verklärten Bild aufs eigene Dasein, macht uns unglücklicher, depressiv oder krank.

NORMIERTE LEBENSENTWÜRFE

Vor allem junge Mädchen und Frauen lassen sich von verflachten Lebensentwürfen und Schönheitsidealen auf Instagram stark beeinflussen. „Die Frauen orientieren sich am Ideal schlank, zierlich, langhaarig und fit, die Jungs hingegen stellen sich gerne sportlich, kräftig und athletisch dar“, sagt Catarina Katzer. Ganz oben auf der sozial medial gepushten Glücks-Terror-Liste steht übrigens neben Fitness, Ernährung und Aussehen natürlich: die Liebe. Denn auch bei der Wahl des Partners oder dem perfekten Liebesleben geht es nicht um die liberale Idee, dass jeder so sein soll, wie er will. Sondern darum, dass es eine Norm des schönen, richtigen Beziehungslebens gibt, an der sich alle zu orientieren haben. „Wir sehen in unserer Workshops mit Jugendlichen zum Thema Sexualität, Liebe und Beziehung immer wieder, wie wichtig für sie die Orientierung an der blankpolierten Oberfläche in sozialen Netzwerken ist. Unsicherheiten, Ängste, die herausfordernden Seiten von Beziehungen bleiben in dieser Zuckerwatte-Version des Lebens ausgespart“, bestätigt Heidi Fuchs vom Grazer Verein liebenslust*. Dabei wären für die Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit Role Models, die auch ambivalente Gefühle und Unsicherheiten äußern, unerlässlich.

DAS SCHÖNE, ECHTE LEBEN

In einem digitalen Leben die richtige Balance zwischen Inspiration und Frust oder Minderwertigkeitsgefühlen zu finden, ist natürlich nicht ganz einfach – aber möglich. Ein Weg zu mehr Glück im perfektionistischen Instagram-Universum kann sein, seinen Account einmal kräftig auszumisten und Menschen zu folgen, die das Leben zeigen, wie es tatsächlich ist. Der Autorin Kathrin Wessling etwa, die auf ihrem ungeschönten Instagram-Account #abouttherealstruggle Chaosfotos aus ihren eigenen und den vier Wänden andere User postet. Mittlerweile hat sich auf Instagram auch die #bodypositive-Bewegung Platz verschafft, in der Ehrlichkeit vor Perfektion steht und Frauen, die nicht den Standardmaßen entsprechen, gegen gängige Körperideale anknipsen. Catarina Katzer rät außerdem dazu, sein eigenes Netzverhalten aktiv zu beobachten und sich bewusst Pausen vom Online-Leben zu gönnen. Das Smartphone aus der Hand zu legen hilft dabei, Momente auch einfach mal nur zu genießen. Und statt Avocado-Toast und Chia-Bowl auch einmal die Realität am Frühstückstisch zu dokumentieren, macht vielleicht nicht instafamous. Aber sympathisch.

INSTAGRAM-ACCOUNTS MIT ERDUNGSGARANTIE

http://www.instagram.com/abouttherealstruggle

Der Account der Hamburgerin Kathrin Wessling kommt ganz ohne Fake-Filter daher. Ein großartiges Sammelsurium aus dreckiger Wäsche, unaufgeräumten Wohnzimmern und Pizzakartons statt Super-Lunch-Bowls.

http://www.instagram.com/deliciouslystella/

Die aus Großbritannien stammende Komikerin Bella Younger nimmt auf ihrem Account vor allem den „Clean Eating“ Trend aufs Korn und postet herrlich komische Szenen aus ihrem Leben mit Wein, Schokolade und Chips.

http://www.instagram.com/mayavorderstrasse/

„29. Woche – Kann nicht aufhören zu essen. Passe nicht mehr in meine Schuhe. Könnte nicht glücklicher sein“. Mit herrlich ehrlichen Worten und ebenso amüsanten Bildern stemmt sich Maya Vorderstrasse gegen die allgegenwärtige Mommy-Perfection auf Instagram.

 Screenshot (83) Erschienen in GRAZETTINA #1, 2018

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